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Abgasskandal: 8,5 Mio. VW müssen in die Werkstatt

(c) AFP (FRANCOIS NASCIMBENI)
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Aus einer freiwilligen Reparatur der manipulierten Autos wurde jetzt eine verpflichtende. Für Volkswagen steigen die Kosten. Die Rückrufe beginnen ab 2016 und dürften bis Ende kommenden Jahres dauern.

Wien/Berlin. Wer bisher glaubte, dass sein VW ohnehin auch ohne Wald fährt und er daher die Abgasanpassungen nicht machen lassen wollte, hat sich getäuscht: Das Deutsche Verkehrsministerium schrieb Volkswagen gestern einen verpflichtenden Rückruf aller Autos mit manipulierter Software vor. Kurz darauf erließ auch Österreichs Verkehrsminister, Alois Stöger, eine gleiche Anordnung. In Österreich sind 363.400Modelle der Marken VW, VW-Nutzfahrzeuge, Audi, Škoda und Seat betroffen. In Deutschland sind es 2,4 Millionen Dieselfahrzeuge.

Der deutsche Autokonzern hat zwar einen Rückruf geplant. Den betroffenen Autobesitzern wäre es aber freigestanden, ihre Fahrzeuge nachbessern zu lassen. Dass sie nun verpflichtend in die Werkstatt müssen, macht es für VW einerseits teurer. Andererseits steigt die Gefahr, dass mehr Autofahrer nach den Nachbesserungen teure Forderungen an VW stellen.

Denn noch ist völlig unklar, welche Auswirkungen die Entfernung der manipulierten Software und damit die Erfüllung der Abgasvorschriften haben: Es gibt Spekulationen, dass die Fahrzeuge nach den Änderungen weniger Leistung haben werden. Das könnte nach Meinung von Rechtsexperten die Möglichkeit zu einer Rückabwicklung des Verkaufs erhöhen. Auf Volkswagen kämen damit enorme Kosten zu. Weltweit sind elf Millionen Fahrzeuge mit der manipulierten Software ausgestattet. VW gab gestern Nachmittag bekannt, dass man allein in Europa 8,5 Millionen Fahrzeuge zurückrufen werde. Aktuell werden die Kosten aus der Abgasaffäre für VW auf 30 bis 100 Milliarden Euro geschätzt.

Porsche Österreich, das VW vertreibt, konnte gestern nicht sagen, wie viel man für die Nachbesserungen budgetiert hat, und welche Maßnahmen genau notwendig sind. Mit einem Software-Update allein scheint es bei den betroffenen EA-189 Motoren jedenfalls nicht getan. Das genüge vermutlich bei Fahrzeugen mit einem Zwei-Liter-Diesel, meinte der deutsche Verkehrsministers, Alexander Dobrindt (CSU), am Donnerstag. Bei VW-Dieselfahrzeugen mit 1,6-Liter-Motor sei aber ein größerer Eingriff nötig. Details nannte er nicht.

Die Briefe an die Besitzer der betroffenen Fahrzeuge wurden laut VW bereits versandt oder seien gerade auf dem Weg. Die verpflichtenden Rückrufe beginnen ab 2016 und dürften bis Ende kommenden Jahres dauern.

 

Österreich kannte Dieselprobleme

Für Österreichs Regierung dürfte die Nichterfüllung der Abgasnormen freilich keine allzu große Überraschung sein. Wie gestern bekannt wurde, drohte Österreich 2014 ein EU-Mahnverfahren, weil die Stickoxidwerte im Land gestiegen waren. Österreich schrieb im Jänner 2015 in einem Brief an Brüssel, dass die hohen Werte dem Land nicht angelastet werden dürften. Die Begründung: „Messungen zeigen, dass die realen Emissionswerte die Emissionen im gesetzlich vorgeschriebenen Prüfzyklus um den Faktor 3 (Euro IV) bis 5 (Euro V) übersteigen.“

Eine Sprecherin des österreichischen Umweltministeriums erklärte, es sei ein europaweites Problem, dass die Motoren – nicht nur jene von VW – die Abgaswerte nicht eingehalten hätten. Darauf habe man in dem Schreiben hingewiesen. Auch aus Deutschland gibt es einen ähnlichen Brief.

Auf europäischer Ebene arbeitet man intensiv an der Einführung schärferer und realistischerer Abgastests. Bis Ende des Monats will man die neuen Tests auf den Weg bringen. Dabei gehe es darum, den Ausstoß im tatsächlichen Autoverkehr zu messen.

Für Verwirrung sorgte Deutschlands Umweltministerin Barbara Hendricks gestern, die erst meinte, sie wolle die Steuervorteile für Dieselautos abschaffen. Später dementierte sie das Vorhaben.

Bei VW beriet gestern die Führungsspitze über den Skandal: Konzernchef Müller hatte etwa 400Manager in Leipzig zusammengezogen. Er informierte über die Ermittlungen, die Rückrufe und den Sparkurs. Öffentliche Erklärungen gab es nicht. In Italien ist die Exekutive bereits einen Schritt weiter. Am Donnerstag gab es Hausdurchsuchungen beim Firmensitz in Verona, gegen sechs Manager der VW-Tochter in Italien laufen Ermittlungen wegen Betrugs. (ag./red.) Gastkommentar, Seite 26

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2015)