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Das Selbstbildnis der Generation Y

Mynth sind die Salzburger Zwillinge Giovanna und Mario Fartacek (Jahrgang 1991). Leyya sind Sophie Lindinger (Jahrgang 1992) und Marco Kleebauer (Jahrgang 1994) aus Oberösterreich.
Mynth sind die Salzburger Zwillinge Giovanna und Mario Fartacek (Jahrgang 1991). Leyya sind Sophie Lindinger (Jahrgang 1992) und Marco Kleebauer (Jahrgang 1994) aus Oberösterreich.Christoph Radl, Gabriel Hayden
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Ihr Statussymbol ist die Selbstbestimmtheit, ihr Schatten das Internet: Die Künstler-Duos Mynth und Leyya sprechen über ihre Generation.

Mynth. Zu streng, zu konservativ. Was haben die Kinder der Kriegsgeneration und der Babyboomer nicht gegen ihre Eltern rebelliert. Heute ist das anders, heißt es. Der Nachwuchs der Generation X, die Ypsilons, sind mit ihrer Erziehung zufrieden. So auch die 24-jährigen Zwillinge Giovanna und Mario Fartacek aus Salzburg. Sie haben ihren italophilen Eltern sogar einen großen Wunsch erfüllt, indem sie zusammen Musik machen. Als Mynth, mit dem adäquaten "Y", sind sie erfolgreich und trotzdem nicht verblendet. Außerdem halten sie etwas auf die Meinung ihrer Familie. "Wenn wir zuhause sind, machen wir Listening Sessions. Unseren Eltern ist es wichtig, ein Teil des Prozesses zu sein. Es ist gut, sie im Boot zu haben", sagt die Sängerin.

Das im Februar 2016 erscheinende Elektropop-Album war für die Zwillinge dennoch eine Zerreißprobe. "Da ist es uns oft nicht gut miteinander gegangen." Sie sei stur, er wolle immer, dass die Dinge gleich passieren, bleibe dann aber selbst "stundenlang an einem einzigen Knacken hängen". Und beim Feedback wären die Zwillinge sowieso sehr sensibel. "Das gemeinsame Ziel hatten wir aber immer vor Augen: ein gutes Album abgeben. Und wir sind ja auch nie lange bös aufeinander", so Mario. Begonnen hat das Projekt mit einer räumlichen Trennung. Giovannas Auslandssemester in Norwegen brachte zufällig Mynth hervor. "Damals habe ich Songs geschrieben und sie ihr geschickt, Giovanna hat sie im tiefsten Winter eingesungen." Bei einem Besuch produzierten sie dann die erste EP "Polar Night", "ohne zu wissen, wofür". Neben diesen atmosphärischen Stücken, die mittlerweile im Radio laufen, haben sie auch andere Projekte. Mario studiert Psychologie. Flexibilität und Autonomie wäre ihm in seinem späteren Beruf wichtig. "Wir gehören sicher einer Generation an, die alle Möglichkeiten hat. Alles, was du willst, kannst du erreichen. Ob jemand deshalb verwöhnt ist oder das, was er hat, schätzt und nebenbei trotzdem arbeitet, macht den Unterschied."

Mynth
MynthNiko Ostermann

Mario weiß, dass er sein Leben lang Musik machen wird. "Ein Job muss aber trotzdem mein Lebensinhalt sein." In dem Unternehmen, in dem seine Schwester momentan arbeitet, während sie das Gesundheitsmanagement-Studium abschließt, ist die Hierarchie flach, das gefällt ihr. Die Generation Y bestimmt gern selbst, was sie wann tut. Work-Life-Blending nennen sich die verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben. Ähnlich verwaschen sind die Phasen zwischen dem Online- und Offline-Leben. Auf den sozialen Netzwerken sind beide privat nicht wirklich aktiv, für die Band ginge es aber nicht anders. Der Aufwand halte sich im Vergleich zu den Vorteilen aber in Grenzen. "Früher bekam es ja niemand mit, wenn du ein Konzert hattest, außer vielleicht ein paar Musiker auf Myspace." "Schlimm ist nur, dass manche Veranstalter eine Band aufgrund ihrer Facebook-Likes beurteilen", weiß Giovanna. "Eine Band, die unter 1000 Likes auf ihren Beiträgen hat, spielt einfach früher als die mit den 3000 Likes."

Leyya: "Früher gab es Dinge, die dir etwas gegeben haben"

Sophie Lindinger und Marco Kleebauer kommen beide aus der oberösterreichischen Gurkerl-Zentrale Eferding. "Dort findet man sich irgendwann", sagen sie. Die Zielgruppe für ihren experimentellen Elektropop fanden sie dann aber erst nach dem Umzug nach Wien. Ihr Debütalbum als Leyya heißt "Spanish Disco" und kam heuer unter Beifall bei Las Vegas Records heraus. Als die erste Nummer "Superego" via FM4 nach oben rotierte, glaubte man ähnlich wie bei den Kollegen von Mynth an einen Polster aus Glück und Zufall. "Die ganze Entstehungsgeschichte, die früher bei Bands öffentlich vonstatten ging, passiert heute aber im Geheimen", erklärt Kleebauer. Erst wenn man alles fertig hat, kommt man heraus. "Dann wirkt es so, als tauche man aus dem Nichts auf." Und im Gegenteil, "wir haben vorher schon viel Musik gemacht, ohne sie zu veröffentlichen".

Leyya
LeyyaLas Vegas Records

Indem viele Dinge nicht nur in der Musik durch das Tempo des Internets kurzlebiger geworden sind, müsse man auch als junger Musiker professioneller arbeiten. "Wenn man heute nur eine Facebookseite mit ein paar Hundert Likes hat, wird das schon als Misserfolg gewertet." Wer die Öffentlichkeit will, müsse das volle Paket kaufen. "Oft wirst du schon aussortiert, wenn du kein professionelles Video hast", ergänzt Sophie Lindinger, die Stimme des Duos. "Musikmachen allein ist schon lange nicht mehr das Thema. Es gibt viel, in dem man untergehen kann", so der Gitarrist, Schlagzeuger und elektronischer Soundtüftler, während er seinen Cappuccino ohne Kakaopulver bestellt, weil er das genausowenig mag wie zu glatten Perfektionismus auf der Bühne oder die vielen Möglichkeiten, die seine Generation hat. Viele 20-Jährige können in diesem Teil der Welt so gut wie alles machen, was sie wollen, aber wer will heute schon noch etwas. "Früher gab es Dinge, die dir etwas gegeben haben, heute sind wir abgestumpft. Man erreicht irgendwas und weiß nicht, wofür. Man weiß generell nicht, was man mit sich anfangen soll. Es gibt so viele Optionen, die uns alle nur einschränken." Als Taubheit beschreibt er das Lebensgefühl der Generation Y.

Darüber singt auch Sophie Lindinger in ihren Texten. "Aber keine Nummer kommt zum Punkt. Und das macht diese Generation auch aus. Alle Möglichkeiten haben, abwägen und sich nicht entscheiden. Man genießt nichts und kommt nirgends an", liefert sein Leben online der sozialen Selbstkontrolle aus und verstellt sich. "Keiner weiß, dass wir mit diesem Album kein Geld verdienen, weil wir alles reinvestieren" und dass sie zwar viel spielen, aber manchmal vor so wenig Leuten auftreten, dass es anstrengend ist. So etwas findet man nicht auf Facebook. "Dort postest du nur, was die Außenwelt mitbekommen soll und nicht, wer du wirklich bist."

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("Kultur Magazin", 16.10.2015)