Herzblut in den Text stecken

Sabine Dengscherz
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Porträt. Wie verfasst man Texte in einer Sprache, die man nicht gut kann? Dies erforscht Sabine Dengscherz mithilfe einer Software, die das Geschehen am Computer aufzeichnet.

Ungarisch lernt man nur, wenn man verliebt ist, heißt eine österreichische „Weisheit“. „Ja, verliebt war ich schon“, sagt Sabine Dengscherz. Aber nicht in einen Ungarn, sondern in ihren jetzigen Mann, einen Wiener. „Wir konnten beide nicht Ungarisch, aber haben uns 1996 ein Haus auf dem Land gekauft, südöstlich von Sopron. Seither lerne ich Ungarisch und habe in den 2000er-Jahren fünf Jahre in Budapest gelebt“. Heute erforscht Dengscherz im Rahmen des Elise-Richter-Programms des Wissenschaftsfonds FWF, wie man hochwertige Texte verfasst, wenn man in einer Sprache schreibt, in der man sich nicht ganz sicher fühlt. Dies betrifft viele Forschende, die auf Englisch publizieren sollen, und Studierende in Austauschprogrammen.

„Wie viel Spaß es macht, eine Sprache zu lernen“, hat Dengscherz erst beim Studium der Hungarologie an der Uni Wien erkannt. Heute spricht sie Ungarisch so gut, dass es im Smalltalk nicht gleich auffällt, dass sie keine Ungarin ist. „Bei komplizierteren Themen komme ich aber doch ins Stottern, und dann kommt auch der Akzent dazu“, sagt die gebürtige Oberösterreicherin.

 

Jeder geht einen Text anders an

Ihr selbst ist aufgefallen, dass sie, wenn sie einen Fachtext nicht auf Deutsch schreibt, den Satz zum Beispiel auf Englisch beginnt, aber dann manchmal ins Deutsche wechselt, um den Gedankengang schneller zu Papier zu bringen. „Das ist eine Strategie. Es gibt aber so viele Möglichkeiten, wie man einen professionellen Text in einer Fremdsprache verfassen kann“, sagt Dengscherz, die selbst auch Expertin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache ist.

Das aktuelle Forschungsprojekt, das Teil ihrer Habilitation an der Uni Wien ist, konzentriert sich auf die vielfältigen Strategien, wie man einen journalistischen Beitrag, eine Dissertation, Präsentation oder einen Forschungsantrag in einer Fremdsprache schreibt. Einige erstellen zuerst ein Textgerüst, andere schreiben wild drauflos und korrigieren im Nachhinein. Manche notieren Gedanken in einer Sprache, in der sie sich sicher fühlen, andere schreiben immer gleich in der Zielsprache. „Das ist von der Person, aber auch von der Situation abhängig. Man schreibt einen Routinetext ganz anders als einen Text, in den man sein Herzblut steckt“, erklärt Dengscherz. Erforscht werden die Schreibstrategien mit einer Software, die alles aufzeichnet, was auf dem Computerbildschirm passiert und zugleich eine Tonaufnahme liefert. Die Probanden können während ihrer Schreibarbeit „laut denken“, Musik hören oder still arbeiten.

Dengscherz wertet all diese Videos dann wissenschaftlich aus und führt Interviews mit den Studienteilnehmern. „Oft zeigen die Interview das, was auf den Videos zu sehen ist, in einem ganz anderen Licht.“

Am Ende will die Forscherin didaktische Konzepte entwickeln, die Schreibenden helfen sollen, ihre persönlichen Strategien zu finden. Damit man beim Schreiben „nicht unglücklich wird“. Einen Leitfaden, der auf jede Person gleich angewendet wird, kann Dengscherz nicht liefern. Jeder muss herausfinden, was bei ihm am besten klappt und sich dies bewusst machen.

In ihrer Freizeit widmet sich Dengscherz auch dem literarischen Schreiben. Als Autorin für die Anthologien eines kleinen Verlags („Das fröhliche Wohnzimmer“) liebt sie es, mit Sprache zu Erzählformen zu experimentieren.

„Und wenn der Kopf so richtig voll ist und nichts mehr geht, dann schalte ich ein Online-Fitnessvideo ein, um mich eine halbe Stunde auszutoben.“ Für Kino, Theater oder Ähnliches bleibt nur wenig Zeit – noch dazu, weil sie in zwei Ländern gleichzeitig lebt: unter der Woche in Wien und am Wochenende mit ihrem Mann im renovierten Haus in Ungarn.

ZUR PERSON

Sabine Dengscherz (geboren 1973 in Grieskirchen) studierte an der Uni Wien Deutsche Philologie, Publizistik und Hungarologie. Seit der Dissertation beschäftigt sie sich mit Mehrsprachigkeit. Von 2000 bis 2005 unterrichtete sie Deutsch an der Wirtschaftsuniverität Budapest und war dort Redakteurin einer deutschsprachigen Zeitung. Derzeit arbeitet sie am Zentrum für Translationswissenschaft und an der Germanistik der Uni Wien.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2015)