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1945: Renners Hilferuf an den „Generalissimus Genossen Stalin“

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(c) ORF
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Oktober 1945. Ein harter Winter steht bevor, die Menschen hungern, die wenigen Ressourcen werden von der siegreichen Sowjetunion ausgebeutet. Für den 25. November sind die ersten freien Wahlen vorgesehen. Der Kreml stimmt zu.

In unserer Erzählung über Österreichs Wiederauferstehung vor siebzig Jahren halten wir nun am 17. Oktober 1945. An diesem Tag schickt Staatskanzler Karl Renner einen langen Brief an den sowjetischen Diktator Josef Stalin, in dem er eindringlich um Hilfe für das hungernde und ausgeblutete Land bittet. Ohne Hilfe von außen sagt er eine Katastrophe voraus. Noch ist seine provisorische Regierung nur von Moskau anerkannt; die Zustimmung der Westmächte steht noch aus. Für den 25. November sind die ersten Parlamentswahlen angesetzt. Renner schreibt:

 

Hochverehrter Herr Generalissimus der Roten Armee! Werter Genosse!

 

[. . .] Alle Unstimmigkeiten draußen in der großen Welt schlagen auf unser kleines Staatswesen zurück. Es geht uns wie dem Rheumatiker, welcher auf seinem Krankenbett die Umwälzungen draußen in der großen Atmosphäre der Welt an seiner armseligen Körperlichkeit mit erleidet [. . .]

Unser Volk steht vor der Gefahr einer Hungersnot und der Ausbreitung von Volksseuchen [. . .] Aus diesen Gründen wage ich, an Sie die weitere Bitte zu stellen: Wirken Sie auf die Alliierten ein, dass die Anerkennung und die Ausdehnung der Regierungsgewalt über das ganze Staatsgebiet sofort erfolge!

Das Letztere aber wird auf gewaltige Erschwerungen stoßen! Drei von den vier Besatzungstruppen haben sich darauf eingerichtet, jede in ihrer Zone einstweilen selbstherrlich zu regieren, alle vier pflegen die Güter der Zone selbstherrlich zu verwalten und zum Teile auch zu verbrauchen! [. . .] Es wird strenger Weisungen an die untergeordneten militärischen Stellen bedürfen, um sowohl die Verwaltungsbefugnisse als auch die Wirtschaftsmittel ihrer Zone in die Hand der österreichischen Zivilverwaltung zurückzulegen und sich auf die Kontrolle zu beschränken, damit endlich Österreich nur österreichisch verwaltet und seine Wirtschaftsmittel nur den Österreichern zu Gute kommen.

Ich verweise in dieser Hinsicht auf das Beispiel der Erdölerzeugung in Zistersdorf. Dieses Erdöl ist nicht nur mehr ausreichend für den österreichischen Bedarf, es ist auch das wertvollste Kompensationsmittel, um Kohle ins Land zu schaffen, es ist unser valutarisches Geld! Eine vertragliche Regelung, wodurch Österreich zur Mitverwaltung mit Russland herangezogen worden wäre, ist bekanntlich sabotiert worden. Bei dem herrschenden System, nach dem die besetzende Macht je über das Produkt ihrer Zone allein verfügt, beruft sich auch Russland mit Recht auf dieses System – wir aber können unsere Erzeugnisse nicht im Kompensationswege durch Handelsverträge verwerten.

Deshalb geht meine dritte Bitte dahin, dass Russlands Vertretung bei den Beratungen der Alliierten folgende Grundsätze zur Geltung bringe:

1.) Die Alliierten beschränken sich auf die oberste Aufsicht und Kontrolle, aber sie verwalten nicht selbst, sondern überlassen die zivile Verwaltung vollständig den österreichischen Behörden.

2.) Gewisse Mittel des Landes sollen, nachdem der Vorbehalt der Besatzungsmacht festgestellt ist, endlich zur ausschließlichen Verfügung Österreichs stehen [. . .]

Die vierte Bitte aber, die ich zu stellen habe, geht dahin: Die schrittweise Reduktion der Stärke der besetzenden Truppen ist sogleich in Angriff zu nehmen.

Das Land ist absolut ruhig, absolut frei von nationalsozialistischen Bewegungen, absolut friedliebend und bedarf zu seinem Schutze wie zur Sicherheit der Alliierten im Grunde gar keiner militärischen Besetzung mehr. [. . .]

Die Zahl der Truppen ist absolut viel zu hoch! Schon die Quartierslast drückt das Land nieder. In den ausgebombten Städten sind so viele Stäbe unterzubringen, dass eine große Zahl Privatfamilien ihre Unterkunft räumen muss, während in den Stadtvierteln, wo die Mannschaften untergebracht sind, die Einheimischen in der unsanitärsten Weise sich zusammendrücken. [. . .]

Ich vermute, dass an keinem Punkte Europas eine solche Truppenmasse sich zusammendrängt wie in dem Lande, das keiner Militärmacht [. . .] überhaupt mehr bedarf. Man hat hierzulande das Wort geprägt: Hier wird der Versuch gemacht, vier Elefanten auf ein Ruderboot zu laden. Das Volk von Österreich kann beim besten Willen diese vierfache Last nicht allzu lange tragen ohne unterzugehen!

Hochverehrter Genosse! Ich bitte um Verzeihung dafür, dass ich die Kühnheit habe, Sie bei der Fülle Ihrer Aufgaben mit unserem kleinen Lande und seinen vier Besatzungszonen zu beschäftigen. Die Furcht vor einer Katastrophe meines Vaterlandes nötigt mir diesen Schritt auf und die Tatsache, dass mich mit Ihnen die große Idee der internationalen Zusammenarbeit der arbeitenden Klassen verbindet, gibt mir den Mut, an Sie zu appellieren. Kommen Sie, so bitte ich, unserem Lande zu Hilfe, ehe es zu spät wird. Ihr Renner

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2015)