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Hugo Portisch: „Man muss den IS an der Wurzel ausreißen“

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(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Der welterfahrene Journalist empfiehlt ein militärisches Eingreifen der europäischen Armeen in Syrien. Die Autobiografie gibt erstmals – neben der großen Weltpolitik – auch Einblick in den Lebenslauf dieser Legende.

Zwölf Jahre musste der Salzburger Verleger Hannes Steiner auf dieses Buch warten. „Ich wollte ihn noch lang warten lassen“, sagt Hugo Portisch, „denn nichts fällt mir schwerer, als über mich zu schreiben.“ Überall war er, aus der ganzen weiten Welt hat er berichtet. Aber über sich? Nein. Denn welche Aufgaben er auch immer in diesem langen Leben erfüllte, „bin ich immer eines geblieben: Journalist“.

Und was für einer! Das bewies der alte Herr am Freitag bei der Präsentation seiner Autobiografie. Die ganze weite Welt fand hier Platz. Zuvorderst das Flüchtlingsproblem: Man müsse es an der Wurzel bekämpfen, sagt der begeisterte Außenpolitiker Portisch. „England, Frankreich und viele andere europäische Staaten haben Berufsarmeen. Die EU hat keine. Aber sind wir nicht berechtigt, hier militärisch und diplomatisch einzugreifen? Ist das nicht gerechtfertigt? Die Hotspots beseitigen das Problem nicht. Man muss den IS an der Wurzel ausreißen!“

Für den starken Mann in Moskau zeigt der Weitgereiste viel Verständnis. Putin sei vom ersten Tag an mit dem Gelöbnis angetreten, Russland zur alten Größe zu verhelfen. Sotschi (Olympische Spiele, 2014) war der ganze Stolz Putins, aber der deutsche Präsident, Joachim Gauck, habe wegen der innerrussischen Dissidentenverfolgung seine Teilnahme abgesagt. „Und daraufhin auch alle europäischen Staatsmänner.“ Eine derartige Demütigung vertrage der Kreml-Herrscher nicht. „Das hätte nicht stattfinden dürfen. Wären sie damals hingefahren, hätte Putin dieses Piratenstück mit der Krim nicht gewagt“, ist sich Portisch sicher.

Ein interessantes Fundstück aus den US-Archiven, das Oliver Rathkolb entdeckt hat, hat Portisch in seinem Buch ausführlich dargestellt. Es ging in den Jahren 1954/55 um den Abzug der Besatzungsmächte aus Österreich und um den Staatsvertrag. Bei einem Frühstück einigten sich Außenminister John Foster Dulles und Präsident Dwight D. Eisenhower darauf, Österreich in die Souveränität zu entlassen, wenn es „wie die Schweiz“ seine Neutralität auch wirklich verteidige. „Die SPÖ war bekanntlich noch in Moskau im April 1955 dagegen. Raab brauchte eine ganze Nacht, um Adolf Schärf zu überzeugen“, sagt Portisch, der aber in seinem Buch erstmals auch Privates preisgibt.

1927 in Pressburg geboren, als man noch mit der Straßenbahn in die Metropole Wien fahren konnte, mit dem Duft der Druckerschwärze aufgewachsen: Vater Emil war Chefredakteur der liberalen renommierten „Pressburger Zeitung“, die wegen dieser Haltung 1939 eingestellt wurde.

Am Deutschen Gymnasium maturierte er und entkam im letzten Moment – wie der gleichaltrige Helmut Zilk – der Waffen-SS und dem „Volkssturm“, also dem letzten Aufgebot des zerfallenden NS-Reichs. Während der Vater in St.Pölten eine Redakteursstelle ergattern konnte, zog es den Sohn nach Wien. Die Universität hatte im Mai einen notdürftigen Betrieb aufgenommen. „Ich inskribierte das wenige, das angeboten war, aber doch den Weg in die Welt erleichtern würde: nebst Philosophie und Psychologie Anglistik, Geografie und Germanistik.“

Doch Hunger grassierte im zerbombten Wien (siehe unten Karl Renners Brief). Die UNRRA stellte fest: „Österreich ist das Land, in dem die Menschen dem Hungertod am nächsten sind.“ Die wöchentliche Lebensmittelration für Erwachsene in der Wiener britischen Zone bestand aus 15 Dekagramm Haferflocken, zehn Dekagramm Zucker und einem halben Laib Brot. Doch es wurde auch geholfen. Die Schweiz nahm Kinder auf, und der Marshall-Plan rettete Österreich.

 

Legendärer „Kurier“-Chef

Am 2.Jänner1948 begann die Karriere des Journalisten Hugo Portisch: Bei der Wiener „Tageszeitung“ arbeitete bereits Hans Dichand, und die beiden waren fasziniert von einer Vision, die Winston Churchill entwickelt hatte: ein vereintes Europa mit zwei versöhnten Erzfeinden – Deutschland/Frankreich. Seine Biografie bettet der geniale Geschichtslehrer Portisch immer wieder in die Schilderung der großen Weltpolitik ein. Man hört ihm gern zu, denn er schreibt so faszinierend, wie er spricht. Auch über inländische Ereignisse, die längst vergessen scheinen: Als „Kurier“-Chefredakteur brachte er 1964 das Rundfunk-Volksbegehren in Gang – ein rarer Aufstand der unabhängigen Zeitungen gegen die unerträgliche Parteibüchl-Wirtschaft im staatlichen Rundfunk. „Diese Unabhängigkeit lebt im heutigen ORF noch fort“ – behauptet zumindest der alte Herr, sehr versöhnlich.

Als ORF-Sonderkorrespondent erlebte er Weltgeschehen an vorderster Front. Von allen Brennpunkten berichtete er in seiner Art, die komplizierteste Zusammenhänge in verständliche Worte zu kleiden verstand. Aber sein bleibendes Vermächtnis ist wohl die ORF-Geschichtsreihe „Österreich I“/„Österreich II“, die er nach zwanzig Jahren nochmals überarbeitet hat – das Land hat ihm (und dem Ideengeber, dem Generalintendanten Gerd Bacher) viel zu danken.

Und dennoch verweigerte sich Portisch im entscheidenden Moment, als die Politik und das Land eine unparteiische, eine überparteiliche Integrationsfigur benötigt hätten; eine Respektsperson, die mehr hätte bieten können als Allerweltsplattitüden und besorgte Sonntagsreden.

1991, Portisch war in Amerika, meldete sich ein Vranitzky-Mitarbeiter am Telefon. Der Bundeskanzler habe im Einvernehmen mit ÖVP-Vizekanzler Busek die Absicht, ihn einzuladen, als gemeinsamer Kandidat der SPÖ und ÖVP für die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten anzutreten. „Nein, war mein sofortiger Gedanke. Kein politisches Amt, ich bin Journalist, und nur das will ich sein!“ Es war nicht einfach, dem Bundeskanzler die Idee auszureden, schreibt Portisch: „Im Grunde genommen gab es für mich nur ein Motiv für diese Ablehnung: Freiheit. Und dass Journalismus der freieste Beruf der Welt ist. Jedenfalls in einer freien, demokratischen Welt. Ein Beruf, der es erlaubt, mit jedem zu reden, nach allem zu fragen, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch kundzutun. Von keinem Protokoll beschränkt, zu keiner Rücksichtnahme gezwungen.“ Ewig schade. Es wäre eine große Chance gewesen. So kam Klestil, nach ihm kam Fischer. Kein Vergleich.

Nächsten Samstag:
Die Gründung der FPÖ im Herbst 1955.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2015)