Wer durch die Bullaugen eines U-Boots blickt, der starrt in die Augen düsterer Fische.
Maurice Immelman ist blond oder weißhaarig, der Übergang ist fließend. In Uniform wirkt er wie ein wettergegerbter Altpilot einer staatlichen Airline. Dabei flog er noch nie ein Flugzeug. Im Gegenteil – er ist U-Boot-Kapitän. Wie viele Piloten und Kapitäne in Mauritius stammt er aus Südafrika. Er könnte einiges über seine burische Herkunft erzählen, aber darauf angesprochen, schüttelt er den Kopf. „Bloß keine Politik“, sagt er, „es gab genug davon“, und: „Ich bin gerne in Mauritius, bin schon lange hier, und ich bleibe.“
Maurice Immelman heißt die fünf Passagiere beim Tauchgang willkommen, und gleich wendet er sich den Sicherheitsbestimmungen zu. Wie im Flugzeug. Nur ausführlicher. Nur, dass mir in diesem U-Boot das Herz bis zum Hals schlägt. Liegt es am Einstieg durch das Loch im Dach, am Klettern über die dünne Sprossenleiter? Das Innere des U-Boots erinnert an das einer Propellermaschine – nur ist hinter den Bullaugen kein Himmel zu sehen, sondern hellblaues Wasser. Maurice Immelman erklärt, wie hoch der Druck sein wird. Plötzlich deutet er auf mich: „Falls ich aus irgendeinem Grund bewusstlos werden sollte – oder sterben – und der Funkkontakt zum Mutterschiff oben fällt aus, dann haben Sie diesen Hebel. Sehen Sie ihn?“ Ich nicke. „Der Hebel heißt auftauchen. Den ziehen Sie in einem solchen Fall nach oben“, sagt er und löst das U-Boot mit einem Ruck vom Mutterschiff.
Wir sinken. Sukzessive verabschieden sich die Farben. Als Erstes verschwindet die Farbe Rot, bald gibt es auch kein Grün mehr. Wir tauchen zehn, fünfzehn Meter. Es wird düster. Und düstere Fische schwimmen den Luken entgegen. In dieser Tiefe sind sie nicht so bunt wie am Riff, aber deutlich größer. Einer der ganz großen stupst mit der Nase gegen das Glas – fast gegen meine Nase.
Wir nähern uns einem Schiff, das vor wenigen Jahren während eines Zyklons sank. Die Eisengestänge des Wracks sind von Pflanzen überwachsen, rasch haben die Meeresbewohner den Lebensraum adaptiert. „Theoretisch könnten wir mit diesem U-Boot sechs Stunden tauchen“, erklärt Maurice Immelman, der hoffentlich weder bewusstlos wird noch stirbt, „aber wir verfügen über individuelle Atmungssysteme. Die Überlebenszeit hier in zwanzig Meter Tiefe beträgt 48 Stunden.“ Er lächelt nicht – er spricht über Fakten. Während wir weitersinken.
Unvermittelt schlagen wir auf dem Meeresboden auf – dong. Die Fische schrecken sich bei der Erschütterung, ich auch. Sie stieben davon, ich nicht. „Das war ein bisschen hart“, kommentiert der Kapitän und steuert das U-Boot behutsam einen halben Meter nach oben, „aber alles im grünen Bereich.“ Eine Menge Fische interessiert sich jetzt für uns. „Wieso kommen sie so nahe?“, frage ich – „was denken sie von uns?“ „Sie denken nicht sehr viel, sie kommen, weil ich auf diesen Knopf drücke“, sagt Maurice Immelman, drückt auf den Knopf und zeigt nach draußen. Unser U-Boot versprüht Fischfutter!
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at
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