Don Ed Hardy ist keine Kunstfigur der Modebranche, sondern eine Ikone der amerikanischen Tätowierkunst. Auf T-Shirts und Truckerkappen
lösen seine Motive seit Jahren einen weltweiten Hype aus. Jetzt wurde sein Werk in einem Buch verewigt.
Herze mit Dolchen, 50er-Jahre-Pin-up-Girls, verschnörkelte Banner mit der Inschrift „Love Kills Slowly“ oder „True Love“ und der immer wiederkehrende Totenkopf. Tattoomotive, die einst Symbole gesellschaftlicher Abgrenzung waren, prägen seit Jahren das Straßenbild von L.A. bis Gänserndorf. Die Körperkunst des 64-jährigen Don Ed Hardy ist nun auf Textilien gedruckt zu einem Pop-Phänomen des 21. Jahrhunderts geworden.
Aber zurück zu den Anfängen. Klein Don war, so will es die Legende, schon als Zehnjähriger in San Francisco begeistert von Tätowierungen. Mit den Augenbrauenstiften seiner Mutter versuchte er sich an den Nachbarskindern. Aber erst nach seinem Abschluss am San Francisco Art Institute entdeckte er die Kunst des Tätowierens wieder für sich. Ließ dafür Yale sausen und eröffnete sein erstes Tattoostudio. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur längst verschwommen waren, entwickelte Hardy eine deutlich wiedererkennbare Bildsprache.
Archetypische Motive, gepaart mit japanischer und ikonografischer Kunst, dazu Anleihen aus der Seemannstätowierkiste brachten ihm den Titel „Godfather of Modern Tattoo“ ein. Für Hardy ist Tätowieren ein organischer Prozess, der alle Einflüsse des Lebens assimiliert. Immerhin war er auch der erste Nichtasiate, der 1973 Zutritt zu einem japanischen Tattoostudio erhielt, um dort die hohe Kunst des Tätowierens zu verfeinern.
Tätowierte Kleidung. 2004 stand dann der in L.A. ansässige französische Textilunternehmer und Marketingmogul Christian Audigier vor Don Ed Hardys Tür und hatte eine Idee. Immerhin war er bekannt als jemand, der alles, was er angreift, zu Gold verwandelt. So gesehen bei der Streetwear-Marke Van Dutch, die er samt Truckerkappe mehrheitsfähig
machte.
Audigier kaufte Don Ed Hardy die Lizenzen für seine Motive ab, druckte diese auf Kleidungsstücke, versah sie mit allerhand Glitzerndem und platzierte sie gekonnt auf Prominenten. Ed Hardy by Christian Audigier war geboren, und eine fast unerklärbare Erfolgsgeschichte der Modebranche nahm ihren Lauf, die selbst fünf Jahre nach der Lancierung nichts von ihrer Anziehung eingebüßt hat. 114 Mio. US-Dollar Jahresumsatz sprechen dafür.
Bei Ed Hardy gelingt der Spagat zwischen Red Carpet und Großraumdisco, was wiederum nicht mit gutem Geschmack zu verwechseln ist. Ed-Hardy-Klamotten sind keinesfalls ein Jugendphänomen, selbst Leute weit jenseits der 50er-Grenze, und hier ist nicht ausschließlich Mick Jagger gemeint, haben das tätowierte T-Shirt für sich entdeckt. Heute gibt es Don Ed Hardys Motive nicht nur auf T-Shirts und Truckerkappen, sondern auch auf Mineralwässern, Kondomen und Schokoriegeln. Was dem alten Don nicht so schmeckte, und der daher Audigier erst kürzlich auf Schadensersatz klagte. Aber darauf antwortete Ed Hardy im Interview leider immer nur mit „no comment“.
Bis vor gar nicht allzu langer Zeit waren Tätowierungen Teil einer bestimmten Gegenkultur. Heute sind sie eher inflationärer Mainstream. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
In den letzten 20 Jahren hat sich diese Art von Kunst stark zu einem Ausdruck persönlicher Freiheit entwickelt. Wie immer gilt: Leute sollten nicht diskriminiert werden, nur weil sie den Wunsch haben, tätowiert durchs Leben zu laufen.
Kommt man nicht irgendwann in das Alter, in dem man vielleicht keine Totenköpfe mehr tragen sollte?
Ehrlich gesagt, was Leute mit ihren Körpern machen oder darauf tragen, geht keinen etwas an, solange sie niemanden damit verletzen. Wir werden ohnehin schon ständig kontrolliert.
Diesen Satz würden die Massen an Anhängern
von Ed-Hardy-by-Christian-Audigier-Produkten bestimmt befürworten. Können Sie diesen Hype überhaupt fassen?
Es ist wirklich ganz unglaublich, welche Zustimmung meine Kunst weltweit erfährt.
Sind Sie nicht peinlich berührt, wenn Leute wie Paris Hilton oder Heidi Klum ihre Tattoos auf diese bestimmte Art tragen?
Ich möchte darüber eigentlich nicht urteilen. Das soll jeder selbst entscheiden: Ed-Hardy-Produkte zu tragen oder eben nicht. Ich bin nur froh, dass ich durch diese Geschichte meine Kunst in Ruhe ausüben kann.
Seit einiger Zeit widmen Sie sich also der Kunst . . .
Kunst sollte, in welcher Form auch immer, Teil jedes Lebens sein. Ich glaube gar nicht so sehr an dieses Hochkulturding, sondern eher an den freien persönlichen Ausdruck. Wenn Kinder dazu ermutigt werden könnten, sich selbst künstlerisch auszudrücken, zum Beispiel in ihrer Art zu spielen. Wenn wir das beibehalten könnten, wäre die Welt auf Dauer sicher eine bessere.
Ed Hardy. Art for Life von Alan Govenar, erschienen bei teNeues.