Schnellauswahl

Austromasochistisches Lehrstück: Der Balkon am Haus der Geschichte

Während andere Länder ihre Widerstandskämpfer gegen das NS-Terrorregime in die Auslage stellen, faselt man bei uns vom Hitlerbalkon. Masochismus pur!

Die Arbeiten am Haus der Geschichte schreiten zügig voran. Ein tüchtiger Kulturminister zeigt, was seine Vorgängerinnen versäumt haben. Gleichzeitig ist der Generalverdacht, der von mancher Seite dem Projektverantwortlichen Oliver Rathkolb entgegengebracht wird, ein Kapitel aus dem Lehrbuch der Psychologie: Aggression als Kompensation des eigenen Unvermögens.

Statt jene angesehenen bürgerlichen Persönlichkeiten aufzuzeigen, die das Fundament einer Geschichtsdarstellung bilden könnten, etwa Ignaz Seipel, Ernst Karl Winter oder die mutige Irene Harand in der Ersten Republik, Politiker wie Figl, Raab, Hurdes, Gorbach, Gleissner, Ludwig Steiner in der Zweiten Republik oder die unter uns lebenden Alois Mock, Erhard Busek, Andreas Khol, Peter Marboe und Wolfgang Schüssel, rückt man einen international anerkannten Historiker ins Zwielicht. Die eigenen Galionsfiguren, die einen Platz in einem Haus der Geschichte verdienen, übersieht man. Vielleicht kennt man sie nicht.

Das Haus der Geschichte wird nicht die in Regierungsprogrammen genannte große Lösung sein. Die Staatskassen sind strapaziert. Jeder Vergleich mit dem Berliner Haus der Geschichte, seiner Sammlung und den riesigen Ausstellungsflächen, stapelt hoch. Wir backen kleinere Brötchen. Realistisch betrachtet wird das Haus der Geschichte ein Teil der Österreichischen Nationalbibliothek werden: Eine historische Dauerausstellung an einem prestigeträchtigen Ort, angesiedelt in einer Einrichtung, die immer wieder gezeigt hat, was sie kann: Man denke nur an Manfried Rauchensteiners international gelobte Darstellung des Ersten Weltkriegs oder das großartige neue Literaturmuseum. Die dornröschenartige Musiksammlung wird den Standort wechseln, con sordino. Wer zu spät kommt, den straft das Haus der Geschichte.

Dennoch mischt sich in die Zuversicht über die neue Geschichtsschau in der Hofburg ein Schuss Wehmut. Er hat einen Namen: Es ist der seit Neuestem sogenannte Hitlerbalkon. Der Ausdruck erinnert an einen früheren Volkstheaterdirektor, der in seinem Haus partout ein „Führerzimmer“ gefunden haben wollte, ohne dass der Verbrecher aus Braunau dieses jemals von innen gesehen hat.

Seit meinen Studententagen gehe ich in die Nationalbibliothek. Nie hat jemand davon gesprochen, dass ihr Eingang unter diesem Balkon liegt. Ja, einmal ist er oben gestanden. Er winkte auch aus dem Hotel Imperial, ohne dass man von einem Hitlerfenster spricht.

Es ist auch nicht der Volksmund, der vom Hitlerbalkon spricht, sondern es sind Halbgebildete, die bei Viertelgebildeten mit einem Schlagwort ein Gruseln erzeugen wollen. Kein Mensch würde beim Palazzo Venezia in Rom oder auf der Mailänder Piazza San Sepolcro von einem Duce-Balkon reden. Während Frankreich jüngst vier Widerstandskämpfer in seine Ruhmeshalle, den Panthéon, aufgenommen hat, Polen eine Jan-Karski-Ausstellung um die Welt schickt und Deutschland stille Helferinnen und Helfer auszeichnet, faselt man bei uns vom Hitlerbalkon. Masochismus pur.

Doch, man muss oben auf dem Balkon der Hofburg erinnern: nicht an den Verbrecher, sondern an seine Verbrechen. Wer immer das zukünftige Haus der Geschichte betritt, soll den Heldenplatz durch die Gesichter und Namen der Opfer sehen. Zehntausende haben 1938 gejubelt. Tausende wurden gleichzeitig verhaftet. Sieben Jahre später waren Hunderttausende tot. Ermordet, vergast, gefoltert, gestorben in einer fremden Uniform, vertrieben, unter Bombentrümmern vergraben.

Am 20. August 1944 brachte die Widerstandskämpferin Anni Sussmann in Auschwitz ein Kind zur Welt. Sie hat es mir selbst erzählt. Der Geburtstag des Samuel Georg Sussmann war zugleich sein Todestag. Der SS-Arzt Josef Mengele warf ihn vor den Augen der Mutter ins Feuer. Daran und an hunderte ähnliche Schicksale soll uns der Balkon des Hauses der Geschichte erinnern.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang 2011 ist er
Vorsitzender des Österreichischen
Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2015)