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Balkanroute: Slowenien öffnet die Schleusen

Migrant waits to cross the border with Slovenia near Trnovec
Flüchtlinge an der Grenze zu Slowenien(c) REUTERS (ANTONIO BRONIC)
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Tausende Flüchtlinge steckten stundenlang an Grenzen südosteuropäischer Länder fest. Dann gab Slowenien dem Druck nach und erlaubte unbegrenzte Einreise.

Belgrad. Es wird immer schwieriger auf der Balkanroute: In durchnässten Jacken harrten tausende Flüchtlinge unter freiem Himmel am Montag nicht nur an der kroatisch-slowenischen Grenze, sondern auch an der serbisch-kroatischen Grenze stundenlang vor geschlossenen Grenzübergängen im Dauerregen aus. „Macht das Tor auf, macht das Tor auf!“, riefen laut Agenturberichten verzweifelte Menschen, die die Nacht auf dem verschlammten Boden im serbisch-kroatischen Niemandsland verbringen mussten. Vor der geschlossenen slowenischen Grenze zeigten Fernsehbilder Schlägereien unter entnervten Gestrandeten. Der Grund für den Flüchtlingsrückstau auf der Balkanroute: Das neue Transitland Slowenien weigerte sich zunächst, mehr als 2500 Flüchtlinge pro Tag nach Österreich durchzuschleusen.

Doch der Versuch, den Flüchtlingsstrom einzudämmen, währte nicht lange. Am Montagnachmittag gab die Regierung in Ljubljana dem Druck nach. Das Innenministerium gab bekannt, ab sofort alle aus Kroatien kommenden Flüchtlinge einreisen zu lassen. Es rechnete allein am Montag mit 6000.

Die Flüchtlingskrise hatte dem Balkan einen Nachbarschaftsclinch beschert. Nach der Abriegelung von Ungarns Schengengrenze zu Kroatien am Wochenende schienen sich Zagreb und Ljubljana zunächst um Kooperation beim Flüchtlingstransit in Richtung Österreich zu bemühen. Doch wenig später hing der Haussegen in der ohnehin labilen Nachbarschaftsehe gründlich schief.

Slowenien verweigerte in der Nacht auf Montag einem aus Kroatien kommenden Flüchtlingszug die Einreise: Stundenlang saßen die 1800 sich selbst überlassenen Passagiere im Regen unter offenem Himmel vor der Grenze fest. Am Sonntag sei der Flüchtlingstransit zunächst noch „ohne Schwierigkeiten“ verlaufen, so Sloweniens Innenministerin Vesan Gjerkeš Žnidar. Doch die „Komplikationen“ hätten begonnen, als Kroatiens Behörden eine solch hohe Zahl von Flüchtlingen angekündigt hatten, die den „abgesprochenen“ Rahmen von 2500 Personen pro Tag bei Weitem gesprengt hätten: „Einer unbegrenzten Zahl von Flüchtlingen können wir nicht zustimmen.“

Kroatiens Verhalten sei „unannehmbar und unsolidarisch“, erboste sich das slowenische Außenministerium in einer Erklärung über den nicht abgesprochenen Transport der Flüchtlinge an die Grenze. Doch in den vergangenen fünf Wochen waren im Durchschnitt täglich über 5100 Flüchtlinge von Kroatien über Ungarn nach Österreich gelangt. Der slowenische Versuch, die Zahl der Transitmigranten zu mindern, hat nicht nur im ostkroatischen Aufnahmelager Opatovac, sondern auch im benachbarten Serbien zu einem unausweichlichen Rückstau und sich verschärfenden Spannungen geführt.

 

10.000 Flüchtlinge in Mazedonien

Jeder Transitstaat auf der Balkanroute sucht mit beschleunigten Transit-Transporten oder Grenzsperren Flüchtlinge an den Nachbarn weiterzureichen. Verschärft wird die Lage nicht durch den kroatischen Wahlkampf, das sich verschlechternde Wetter – und den anhaltenden Flüchtlingsandrang aus Griechenland: Laut UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR wurden 10.000 Personen in 24 Stunden an der mazedonisch-serbischen Grenze registriert – so viele wie noch nie zuvor. In der Nacht auf Montag verbrachten laut UNHCR allein vor dem Übergang Berkasovo-Bapska unweit der serbischen Provinzstadt Šid mehr als 3000 Menschen die Nacht in den aufgeweichten Feldern vor der kroatischen Grenze.

Allein in Serbien, das nicht einmal über eine Lagerkapazität von 2000 winterfesten Plätzen verfügt, würden sich derzeit mehr als 10.000 Flüchtlinge befinden, denen es von Nahrung bis zu Decken an „allem fehle“, warnte UNHCR-Sprecherin Melita Šunjić.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2015)