1001 PS, aber kein Dach überm Kopf: Wir ließen uns im schnellsten und teuersten Cabrio der Welt, dem Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport, einen Scheitel ziehen.
Dieser Regenschirm wiegt viereinhalb Kilogramm, was für einen Regenschirm viel ist, und er kostet 1,4 Millionen Euro ohne Steuern, was für einen Regenschirm ebenfalls viel ist. Zur Aufbesserung des Angebots gibt es ein Auto dazu, in dessen Kofferraum der Regenschirm untergebracht ist. Fängt es zu regnen an, und wir haben das Glasdach zu Hause gelassen, fahren wir unter der nächsten Brücke rechts ran, spannen den Regenschirm auf und verankern ihn als Dachersatz. Das geht in zwei Minuten oder auch weniger, falls keine Brücke zur Hand ist. Trockenen Hauptes können wir sodann 150 km/h schnell fahren, auch schneller wäre technisch unbedenklich, aber ab dieser Geschwindigkeit führe der Wind unter den Schirmstoff, was das Dach unhübsch aufblähen würde.
Es sei denn, es regnet richtig, dann wird einem zu nicht mehr als 100 km/h geraten. Das ist die Konsequenz der breitesten Hinterräder, die weltweit von einem Serienauto getragen werden. Die 365er-Michelin bauen zwar mörderischen Grip auf, verdrängen aber nur wenig Wasser. Immerhin muss man keinen speziellen Satz aufziehen, wenn man die Höchstgeschwindigkeit überprüfen möchte. Reifen, die das können, gab es bis zum Veyron nicht.
Das gilt im Grunde für das ganze Auto: die Darstellung des technisch Machbaren in extremster Ausformung (1001 PS, über 400 km/h schnell, dabei zuverlässig und unkompliziert wie ein Golf) – für viele freilich die Eroberung des Sinnlosen. Der Veyron ist unbestritten ein Höhepunkt des Benzinzeitalters, ein Denkmal, das nicht überragt werden kann und auf dessen Sockel der Name von Volkswagen-Sonnengott Ferdinand Piëch steht.
Den Regenschirm hat sich aber Franz-Josef Paefgen, der Präsident von Bugatti (und auch Chef von Bentley), von seinen Ingenieuren gewünscht. Paefgen hatte die Dramen um das Fetzendach des offenen Lamborghini Murcielago mitbekommen, und wie sich die Presse lustig machte über ein 300.000-Euro-Auto, in dem man ohne fachkundige Anleitung auch nach Stunden keinen Notbehelf gegen Regen zusammenbringt, so verkorkst ist das Patent. Nun geht sich der Murcielago Spyder im Preis des Bugatti Veyron Grand Sport fast fünfmal aus, und da hat Paefgen gesagt: „Das will ich nicht.“ Deswegen der Regenschirm, der in seiner Karbonfaser-Magnesium-Konstruktion ein bestechendes Detail des Grand Sport ist. Die allermeiste Zeit wird er unbeachtet im Kofferraum liegen.
Mehr Beachtung dürfte das Auto auf der Straße finden, was auch an der Seltenheit der Sichtungen liegen wird. Nach 300 Stück des Bugatti Veyron (250 sind bereits verkauft), werden noch 150 Stück der offenen Variante Grand Sport zu Preisen von jeweils 1,4 Millionen Euro ohne Steuern und Abgaben unters, äh, Volk gebracht.
Der spezielle Thrill des Grand Sport ist das ungefilterte Erlebnis dieser Monstrosität von aufgeladenem Achtliter-Sechzehnzylinder. Wie der Maestro im Orchestergraben dirigiert man das konzentrierte Wüten des Maschinengebirges dicht im Rücken; direkt dem Gaspedal folgend pfeifen, schnauben und zischen die vier Turbolader, und wenn die zwei Sammler über Fahrer und Beifahrer tief Luft holen, man also tief hineinsteigt, bleiben die Uhren in der näheren Umgebung stehen, da braucht es kein Kreischen und Brüllen wie bei den italienischen Geschwüren. Was dann an Beschleunigung einsetzt, ist dergestalt, dass es einem das Blut aus den Zehen zieht und die Zehen kribbeln; man kennt das von der Hochschaubahn im Prater, bislang aber aus keinem Auto.
Wie ein Ungeheuer fährt sich der Grand Sport trotzdem nicht. Das Sieben-Gang-DSG sortiert zuvorkommend die Gänge, und ein Mini Cooper mit Sportpaket ist ruppiger gefedert. Dass man nicht aufs Gas steigt, wenn der Weg nicht frei ist oder die Kurve sich bedenklich krümmt, gilt auch für andere Autos. Dies ist ein zivilisiertes Auto, wie man bei Bugatti sagt – gewissermaßen ein richtiger Volkswagen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2009)