Die Apokalypse und die magische Eindringlichkeit leiser Töne

(C) PR-Foto/ Felix Broede
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Manfred Honeck dirigierte eine packende Wiedergabe von Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“, mit dem der Singverein im Goldenen Saal seine Jubiläumssaison einleitete.

Gewiss, es ist kaum denkbar, dass eine Aufführung von Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“ keinen Effekt machen könnte. Doch darf behauptet werden, dass Manfred Honeck diesmal doch eine ganz besondere Wiedergabe dieses ganz besonderen Stücks zu danken ist.

Der Reihe nach: Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde feiert in dieser Saison ein Jubiläum: Seit einem Vierteljahrhundert ist Johannes Prinz sein künstlerischer Leiter. Und es versteht sich, dass im Rahmen eines Jubiläumszyklus jenes Werk nicht fehlen darf, das den genetischen Code der Sängervereinigung so nachhaltig geprägt hat: Seit der Uraufführung ist dem Singverein gerade dieses „Buch mit sieben Siegeln“ ein besonderes Anliegen. Das Konzert am vergangenen Dienstag markierte die 90. Aufführung des Oratoriums durch diesen Chor; und wie schon anno 1938 waren wieder die Wiener Symphoniker mit von der Partie.

Auf welche Höhen Johannes Prinz den Laienchor zu führen wusste, beeindruckte diesmal besonders. Das „Buch“ ist voll von atemberaubenden Schwierigkeiten – zwei gigantischen Fugenblöcken vor allem, in denen die apokalyptischen Visionen des Johannes auf Patmos gipfeln, dessen „Offenbarung“ Franz Schmidt samt einigen betrachtenden Anreicherungen zu einem konzisen Oratorien-Libretto verdichtet hat.

Unausweichliche Klangwellen

Man singt das in Wien heute mit geradezu lässiger Selbstverständlichkeit; technisch betrachtet. In Sachen Ausdruck schlägt der Singverein alle Rekorde: Von der geflüsterten Hoffnung auf Erlösung über die wütenden Attacken der biblischen Plagen bis hin zum Triumphgesang des „Hallelujah“, bei dem diesmal wohl (auch am Podium) kaum ein Auge trocken bleiben konnte.

Manfred Honeck ließ die überwältigenden Klangwellen immer noch höher anschwellen, ohne je ins Brutale zu kippen. All die interpretatorische Energie, die zuvor intensiv und beredt die apokalyptischen Texte illustrierte, ballte sich da zu höchster Kraftentfaltung. Die Registrierkünste des Organisten Robert Kovács, der schon die Zwischenspiele farbenreich präsentiert hatte, brachten da auch das volle Werk der neuen Musikvereinsorgel ins Spiel. Vom allumfassenden Jubel hob sich der ganz still skandierte Lobgesang des Herrenchors umso effektvoller ab.

Es gibt auch eine Eindringlichkeit der Stille – das im Furor einer Klangbeschreibung des Jüngsten Gerichts nicht vergessen zu haben ist vielleicht Honecks größtes Verdienst. Dass der Chefdirigent der Pittsburgher auch mit den hiesigen Symphonikern Crescendi bis zur Neige auszukosten weiß, erlebte man angesichts der zahlreichen scharfen, ja erbarmungslosen Schnitte und Hiebe, die diese Musik angesichts der endzeitlichen Vorlage austeilen muss.

Es war, alles in allem, die beeindruckendste, weil vielschichtigste, differenzierteste Wiedergabe der heiklen Partitur, die man in Wien seit Langem erleben durfte. Die Solisten hatten ihren Anteil daran: Christian Elsner voran, der als Johannes die Leidens- und Heilsbotschaft verkündete.

Franz Schmidt schreibt ausdrücklich einen „Heldentenor“ vor, ein Wunsch, dem in der Aufführungsgeschichte kaum je entsprochen wurde. Elsner bemüht sich mit Erfolg auch um die lyrischen Passagen, ohne freilich in den kraftvollen Momenten, deren prägnante Gestaltung Schmidt offenbar besonders wichtig war, klein beigeben zu müssen, wofür ihm lauter Jubel dankte.

Die Stimme des Herrn verströmte Stephen Milling warm und weich, aber doch mächtig von der Empore. Sunhae Im führte das Quartett ein wenig zart an, doch berührten Passagen wie das „Hunger“-Duett mit dem warmen, satten Alt Bernarda Finks dennoch sehr. Mauro Peter ließ einen besonders schön timbrierten Tenor hören, der auch mit Florian Böschs profunder Expressivität mithalten konnte. Eine Sternstunde; und keine Rundfunkübertragung in Sicht . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2015)

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