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„Carol“: Aufklärung mit großen Gefühlen

(C) Vienale

Donnerstag eröffnet Wiens Filmfest Viennale mit Todd Haynes' „Carol“, einem der besten Liebesfilme des Jahres: Eine gut betuchte Ehefrau verliebt sich in eine junge Verkäuferin.

Die Funken sprühen schon bei der ersten Begegnung. Als die gut betuchte Ehefrau Carol Aird (Cate Blanchett) sich im noblen New Yorker Warenhaus nach einem Weihnachtsgeschenk für ihre kleine Tochter erkundigt, spürt man deutlich, dass sie noch etwas anderes im Herzen trägt: Die junge Verkäuferin Therese (Rooney Mara) hat es ihr augenscheinlich angetan. Auch das schüchterne Mauerblümchen hinterm Ladentisch weiß nicht so recht, wie ihr unter den stolzen, herausfordernden Blicken der eleganten Dame im Pelzmantel geschieht. Dass diese ihre Handschuhe im Geschäft vergisst (Zufall? Absicht? Schicksal?), liefert den glücklichen Vorwand für ein Wiedersehen – und bildet den Ausgangspunkt für „Carol“ von Todd Haynes, einen der besten Liebesfilme des Jahres. Seine Premiere feierte er im Cannes-Wettbewerb, heute Abend eröffnet er die Viennale im Gartenbaukino (im Dezember folgt der reguläre Österreichstart).

 

Romanvorlage war ihrer Zeit voraus

„Carol“ ist eine Adaption von Patricia Highsmiths Roman „The Price of Salt“. Highsmiths psychologische Kultkrimis („Zwei Fremde im Zug“, „Der talentierte Mr. Ripley“) sind schon vielfach verfilmt worden. Hier stellt gesellschaftliche Intoleranz das einzige Verbrechen dar: 1952 veröffentlichte Highsmith das autobiografisch getönte Buch unter dem Pseudonym Claire Morgan, erst 1984 bekannte sie sich dazu – die leidenschaftliche und klischeefreie Schilderung einer lesbischen Liebe war ihrer Zeit voraus. Gleichgeschlechtliche Beziehungen waren im Amerika der Fünfzigerjahre strafbar, die Enttabuisierung von Homosexualität hatte einen weiten Weg vor sich; noch wurde sie verleugnet, verdrängt und psychiatrisch wie medikamentös „behandelt“.

Diese Verfehlungen hat Haynes schon in einer Nebenhandlung seines modernen Klassikers „Far from Heaven“ thematisiert. In „Carol“ geht es nun (ganz ohne Botschaftseifer) darum, wie Liebe trotz allem möglich war, wie sich erwachsene Menschen gegen innere Hemmungen und äußere Widerstände durchsetzen konnten. Im Falle der selbstbewussten Carol ist es ihr Ehemann Harge (Kyle Chandler), der ihr zum Vorwurf macht, sie würde mit ihren Neigungen ein perfektes Familienleben sabotieren. Therese hingegen ringt noch mit ihrer sexuellen Identität.

Beide Hauptdarstellerinnen leisten hervorragende Arbeit. Wie der Titel verrät, steht Blanchett im Mittelpunkt. Ihr oft manieristisches Spiel passt hier ideal zur Figur: Mit mondänem Habitus, exquisiter Garderobe und knallrotem Lippenstift betört sie das Objekt ihrer Begierde, doch jenseits der ansehnlichen Staffage ist sie ebenso zerbrechlich wie Therese. Mara wiederum versteckt hinter verhuschten Gesten große Willenskraft, die erst gegen Ende so richtig zum Vorschein kommt – trügerische Oberflächen sind ein Leitmotiv des Films.

Und was für Oberflächen! Erneut übt sich Haynes in der peniblen Rekonstruktion eines spezifischen Zeitbilds. Für „Far from Heaven“ standen die opulenten Melodramen Douglas Sirks Pate, bei „Carol“ orientierte er sich an Gemälden Edward Hoppers und an Vivian Maiers Stadtfotografien. Die Kostüme (Designerin Sandy Powell wird bei der Eröffnung der Viennale zugegen sein) spiegeln die Gefühle ihrer Träger: Als gelernter Semiotiker weiß Haynes um die künstlerische Wirkmacht von Äußerlichkeiten, und als Verehrer der Spätphase Fassbinders glaubt er an das politische Potenzial großer Gefühle. Auch das ist „Carol“: Aufklärung durch Empfindung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2015)