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Hadsch-Katastrophe wird Politkrimi

SAUDI ARABIA HAJJ MECCA
(c) EPA (Nabil Mounzer)

Einen Monat nach der Massenpanik in Mekka verheimlicht Saudiarabien weiter die Opferzahl. Indizien weisen auf mehr als 4100 statt offiziell 769 Tote hin. Ein Prinz könnte mitschuldig sein.

Kairo/Riad. Die Mitteilung war so nichtssagend wie üblich: Kronprinz Mohammed bin Nayef habe die Untersuchungskommission angewiesen, „mit ihren Anstrengungen fortzufahren, um die Ursachen des Unglücks zu ermitteln“, schrieb noch vor Tagen die staatliche saudische Nachrichtenagentur. Doch das täuschte nicht darüber hinweg, dass Saudiarabien vier Wochen nach der Katastrophe bei der Hadsch, der islamischen Wallfahrt nach Mekka, immer mehr unter Druck gerät: Weltweit machen Meldungen die Runde, die Massenpanik in Mina habe dreimal mehr Menschenleben gekostet, als Riad mit 769 Toten einräumt.

Das Unglück am 24. September wäre damit das bisher schlimmste Mekka-Desaster. So belegt die neueste Zusammenzählung der Daten in Meldungen zu ausländischen Opfern durch die Nachrichtenagentur AP, dass bisher 2177 Todesopfer identifiziert worden sind. Und: Hunderte Menschen werden nach der tödlichen Massenpanik noch immer vermisst.

Die Website Middle East Eye hatte zuvor in der Notfallklinik von Mekka ausgehängte Suchfotos dokumentiert, deren Nummerierung bei 2253 endete. Und noch eine Seltsamkeit: Auf der Website des saudischen Gesundheitsministeriums war am 29. September für wenige Minuten sogar von 4173 Toten die Rede gewesen, bevor der Eintrag rasch wieder verschwand.

 

Verräterischer Interneteintrag

Aktivisten gelang es aber, einen Screenshot zu machen. Vizegesundheitsminister Mohamed Aldowale habe ein Buch mit 4173 Fotos von Pilgern erhalten, die in Mina ums Leben kamen, hieß es in dem gelöschten Text. Und: „Die ursprüngliche Statistik ging von 769 Toten aus, die endgültige Zahl jedoch ist auf 4173 gestiegen, nachdem das Ministerium weitere Leichen erhalten hat.“

Trotzdem hüllen sich die Saudis eisern in Schweigen, das Gesundheitsministerium verweigert jede Stellungnahme zu seinem mysteriösen Webeintrag. Auch die Forderung des Erzrivalen Iran, ausländische Experten hinzuzuziehen, wurde brüsk abgelehnt. Die rein saudische Ermittlungskommission jedoch steht möglicherweise vor der unlösbaren Aufgabe, die Ursachen der Hadsch-Tragödie korrekt zu benennen, ohne gleichzeitig die eigene Staatsspitze zu blamieren. Denn bereits 24 Stunden nach dem Unglück berichteten zahlreiche Medien, zwei Zugänge zu der Jamarat-Brücke, wo die Panik begonnen hatte, seien wegen eines VIP-Konvois gesperrt gewesen. Das hätte den Rückstau und damit die Katastrophe ausgelöst.

Nach Angaben der libanesischen Zeitung „al-Diyar“ aber saß in dem Autokorso just Vizekronprinz Mohammed bin Salman, eskortiert von 150 Polizisten und 200 Soldaten. Nach dem Unglück sei die Wagenkolonne des jungen Verteidigungsministers davongerast, das Areal wurde für Presse und Fernsehen gesperrt, um die Rolle des Thronfolgers zu verschleiern.

Das Innenministerium räumte später ein, dass ein VIP-Konvoi zur Unglückszeit in Mina war, wies jedoch den heiklen Zeitungsbericht als inkorrekt zurück. Stattdessen machte Gesundheitsminister Khaled al-Falih die Betenden selbst für die Tragödie verantwortlich: „Wären die Pilger den Anweisungen gefolgt, hätte dieser Unfall vermieden werden können“, erklärte er.

Falls jedoch dieses pompöse VIP-Gebaren die Ursache der Katastrophe sei, stünde mit einem Schlag die gesamte Führungsspitze Saudiarabiens am Pranger: König Salman, der sich mit dem Titel „Hüter der beiden heiligen Moscheen“ schmückt und nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein soll, Kronprinz Mohammed bin Nayef als Innenminister und Hauptverantwortlicher für die Hadsch-Sicherheit sowie Vizekronprinz Mohammed bin Salman als möglicher Verursacher.

 

Machtkampf im Herrscherhaus

Kein Wunder, dass mittlerweile Unruhe und Nervosität im Königshaus al-Saud so hochkochen, dass sie erstmals seit den schweren Machtkämpfen in den 1960ern wieder nach außen dringen. Vier Briefe kursieren in den Reihen der Ölprinzen, die eine Abdankung der gesamten Staatsspitze fordern. „Wir geraten immer näher an einen Zusammenbruch des Staates und einen Verlust unserer Macht“, deklamiert einer der Rebellentexte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2015)