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„Das kommt von den Sch...proben“

Hans Knappertsbusch
(c) imago stock&people

Vor 50 Jahren starb der Dirigent Hans Knappertsbusch. Sein Name blieb das Synonym für den deutschen Kapellmeister. Erinnerung an einen großen Unangepassten.

Um ein deftiges Bonmot war er nie verlegen: „Das kommt von euren Sch. . .proben“, soll er während eines Konzerts ausgerufen haben, als die eine Hälfte der Philharmoniker nach Ende der Exposition in einer Brahms-Symphonie, wie vom Komponisten vorgesehen und in der Probe ausgemacht, zum Anfang zurücksprang, die andere Hälfte aber wie gewohnt das Wiederholungszeichen ignorierte und weiterspielte.

Die daraus resultierende Kakophonie, wäre, da hatte Hans Knappertsbusch recht, vermeidbar gewesen, wenn man – was er gern tat – auf die Probenarbeit verzichtet und sich einfach um elf zum gemeinsamen Musizieren eingefunden hätte.

Anekdoten über den notorischen Probenmuffel kursieren in Überfülle und prägen den dadurch etwas seltsamen Nachruhm eines Interpreten, der doch zu den größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts gehörte. Gottlob haben sich ja auch die – nicht so zahlreichen – Studioaufnahmen Knappertsbuschs erhalten. Und, was noch viel wichtiger ist, etliche Livemitschnitte von Konzert- und Opernauftritten, die Nachgeborenen einen Eindruck von der Kunst des 1888 in Elberfeld geborenen Dirigenten vermitteln.

 

Knappe, klare, eindringliche Gebärden

Seine Schlagtechnik war so knapp wie ungemein präzis. Und – wozu probieren? – eindeutig. Auf zwei TV-Mitschnitten von Festwochen-Auftritten im Theater an der Wien lässt sich die suggestive Kraft seiner legendär sparsamen, dafür umso eindringlicheren Gebärdensprache studieren.

Das war in den späten Jahren, als Herbert von Karajan die Staatsoper leitete und „Kna“, wie ihn seine Verehrer liebevoll nannten, nicht mehr daran dachte, dieses Haus, in dem er so viele denkwürdige Abende geleitet hatte, noch einmal zu betreten.

Dass Wien überhaupt eine Knappertsbusch-Chance bekommen hatte, lag am losen Mundwerk des Dirigenten. Er war ab 1922 der allseits geliebte Chef der Bayerischen Staatsoper. „Auf Lebenszeit“ ernannt, warfen ihn die Nationalsozialisten 1933 hinaus und belegten ihn mit einem – wenn auch nach einigen Monaten wieder zurückgenommenen – Auftrittsverbot. Zu deutlich hatte er zum Ausdruck gebracht, wie wenig er von Hitler hielt.

So wenig wie von dem 20 Jahre jüngeren Probenfanatiker Karajan. Auf ihn war die berüchtigte Antwort an einen Kollegen gemünzt, der wissen wollte, was er von dem jungen Aufsteiger halte: „Der“, knurrte Knappertsbusch, „ist großartig. Besser als ich. Und fast so gut wie Sie.“

Im Nachhinein zählen wohl sogar Karajan-Fanatiker manche Knappertsbusch-Aufnahme zum bedeutenden Vermächtnis der Interpretationsgeschichte. Wenig Zweifel gibt es bei den Bayreuther Mitschnitten, allen voran „Parsifal“ (alles ist relativ: Derselbe Dirigent braucht 1951 eine Dreiviertelstunde länger für das „Bühnenweihfestspiel“ als 1962!) oder den jüngst erschienenen „Meistersingern“: Geschlossenere Darbietungen der Riesenwerke wird man kaum finden. Ein untrüglicher Sinn für Dramaturgie bindet auch Zwei-Stunden-Einheiten mühelos.

 

Keine Strohfeuer – Flächenbrände!

Wer angesichts oft erstaunlich behäbiger Tempi amüsiert konstatiert, wie weit auseinander bei „Kna“ die beiden Es-Dur-Schläge liegen, mit denen die „Eroica“ anhebt, zieht spätestens bei der Schlusssteigerung den imaginären Hut: So konsequent entwickelt sich ein klassischer Symphoniesatz selten. Man lernt, was „Allegro con brio“ wirklich bedeutet. Rasches Unterzünden entfacht ja doch meist nur ein Strohfeuer.

Bei Knappertsbusch brannte es lichterloh. Ein auffällig sinnlicher Klang adelt so gut wie jede Aufnahme dieses Dirigenten. Man spürt, wie gern und mit wie viel Herzblut die Musiker unter seiner Leitung gespielt haben. Und wer wissen will, was man in Wien einst unter einem saftigen Auftakt verstanden hat, muss nur die – sogar im Decca-Studio – entstandenen Walzer-Einspielungen hören, voran die von Komzák („Badner Madeln“!) oder Ziehrer, um zu wissen, was man mit Proben tatsächlich nicht erreichen kann, weil man es „im G'spür“ haben muss; in Zeiten, als solche Emotionalbegriffe noch der Kunst vorbehalten waren . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2015)