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Neues Horrorkino in Blutrot-Weiß-Rot

Susanne Wuest spielt in
Susanne Wuest spielt in "Ich seh Ich seh" eine Mutter, die nach einer Gesichtsoperation von ihren Kindern nicht wieder erkannt wird.Stadtkino
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Der Auslandserfolg von "Ich seh, ich seh" könnte Österreichs Liebe zum Horror beleben: Diese ist alt, zeigt die Filmschau "Von Fleisch und Blut", doch Moralwächter haben sie zu lang sabotiert.

Setzt man dieser Tage einen Fuß in das neu eröffnete Wiener Metro-Kino, Spielstätte des Filmarchiv Austria, erlebt man eine historisch bedeutsame Verschränkung: Mitten im bürgerlichen Wien gastiert hier derzeit das Bahnhofskino, eingerahmt von rotem Samt, dunklem Holz und ganz viel Geschichte. „Von Fleisch und Blut“ ist der Titel der vom Filmemacher Paul Poet kenntnisreich zusammengetragenen Schau voller Kapazunder und Kleinodien zu dem, was man heute „Austrian Pulp“, also österreichischen Schund nennt. All die wippenden Titten und dampfenden Schöße, all die gefolterten Hexen und zerteilten Jungfrauen sind kommerzieller Ausfluss aus einer Zeit, in der sich – jedenfalls in Österreich – noch kaum jemand um den „besonderen Film“ oder ähnliche Prädikatisierungen geschert hat. Das vermeintlich Wertlose spülte Geld in die Kassen und wurde bis vor Kurzem von den heimischen Filmkulturhütern in all ihren Geld vergebenden und vernichtenden Institutionen verachtet – als nicht erinnerungswürdige Artefakte einer dunklen, vorintellektuellen, kommerziellen Filmvergangenheit, die jedenfalls nichts mehr zu tun haben sollen und dürfen mit dem, was mittlerweile international als österreichisches Kino wahrgenommen und vermarktet wird: Autorenfilm und Avantgarde.

Aber die hierzulande immer noch akzeptierte und propagierte, komplett anachronistische Einteilung von Filmen und Filmgeschichte in förderwürdige Kunst und unwürdige Unterhaltungsware erodiert derzeit ohnehin.

Emotional erkaltete Mutter. Das aktuellste und wohl auch erfolgreichste Beispiel dafür, dass sich etwas tut in diesem Land, ist das Psychohorrordrama „Ich seh, ich seh“ von Veronika Franz und Severin Fiala. Eingefasst in Bilder vom exzellenten Kameramann Martin Gschlacht, die das Geheimnisvolle nicht im Chaos, sondern in der Klarheit suchen und finden, entspinnt sich ein Dreipersonenstück der wachsenden Verunsicherung: Eine Mutter mit bandagiertem Gesicht kämpft für und gegen ihre zwei Zwillingsbuben, die in der emotional erkalteten Gesichtslosen nicht mehr jene Frau wiedererkennen können oder wollen, die sie so sehr lieben. Im Filmindustrie-Sprech nennt man eine solche Arbeit, die sich weniger programmatisch als organisch den meisten Versuchen der Kategorisierung entzieht, einen „Crossover“-Titel. Kunstvoll spielen die Regisseure auf der Klaviatur des Schreckens und reüssierten damit sowohl im Kunstfilm- als auch im Genrekontext.

Neben den Trophäen, mit denen der Film auf Dutzenden internationalen Festivals ausgezeichnet wurde, steht dann eben auch noch ein ganz anderer Triumph: Als erste heimische Produktion überhaupt wurde „Ich seh, ich seh“ vom US-Verleih Radius, einer Unterabteilung der Weinstein Company und damit einem der Schlüsselunternehmen der amerikanischen Filmindustrie gekauft und vergangenen September, flankiert von einer so grellen wie effektiven Werbekampagne – Stichwort: „the scariest trailer you'll ever see“ – in die Kinos gebracht. Das gewaltige internationale Echo auf „Ich seh, ich seh“ und im Besonderen die euphorische Wahrnehmung des heimischen Kleinbudget-Schockers in den USA war dann wohl auch mitentscheidend dafür, dass der Spielfilm-Erstling von Veronika Franz und Severin Fiala vor wenigen Wochen als österreichischer Kandidat für den Auslands-Oscar ins Rennen geschickt wurde. Eine Sensation, vor allem wenn man bedenkt, dass man für gewöhnlich versucht, die konservative Academy mit gut abgehangenem Kunstgewerbe oder historischen Stoffen zu überzeugen – was mit Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ ja schon einmal gelang. Es ist aber vor allem ein unüberhörbares Signal des offiziellen Film-Österreich in Richtung eines gefährlicheren Kinos; etwas, das noch vor wenigen Jahren komplett undenkbar gewesen wäre.

Österreich gilt auch als monströs. Eigentlich unverständlich: Denn so sehr die Tourismusindustrie auch Bilder von saftigen Weiden und einem Riesenrad im Sonnenlicht in die Welt hinauspumpt, so wenig kann das falsche Idyll gegen den Ruf ausrichten, den Österreich vor allem im nicht europäischen Ausland hat. Demnach leben wir im Land des Morbiden und Makabren, sind umweht von Todessehnsucht und untergraben von Kellern, in denen Monster hausen, die sogar den schwer zu schockierenden Amerikanern zusetzen. Vom österreichischen Film wird erwartet, dass er wehtut und verstört. Michael Hanekes klinische Vermessungen von Psychopathologien gelten als weiterer Beweis für die Omnipräsenz und -potenz des Ominösen und Abgründigen in der Alpenrepublik. Seine didaktische Versuchsanordnung zu Reiz und Wirkung medialer Gewalt, „Funny Games“, schafft es etwa regelmäßig und, so ist anzunehmen, sehr zum Missfallen des Regisseurs, in die Bestenlisten von US-Horrormagazinen – und befindet sich dort in Gesellschaft von Arbeiten wie „Der Exorzist“ oder „Cannibal Holocaust“.

Schlüsselwerk: „Angst“. Im Grunde ist es also gar nicht so, dass das österreichische Kino jetzt plötzlich mit dem Horrorfilm flirten würde. Es ist eine Liebesbeziehung, die schon seit Jahrzehnten besteht und immer wieder schönste Kinder gebiert, aber deren Glück zu oft von Moralwächtern, Anstandsdamen und Oberschullehrern sabotiert wurde. Die diversen spekulativen, sündigen, bisweilen auch unzumutbaren Zuspitzungen und Ausbeulungen des hausgemachten Schunds kann man jetzt in der Filmarchiv-Retrospektive beäugen, in der dann aber leider doch ein Schlüsselwerk des österreichischen Genrefilms fehlt. In einer besseren Welt wäre Gerald Kargl 1983 für seine Serienmörder-Introspektion „Angst“ – in den USA im Übrigen gerade auf einer herausragenden Blu-ray veröffentlicht – auch nicht an den öffentlichen Pranger gestellt, sondern für dessen technische und erzählerische Innovation abgefeiert worden. Sein Film war einer der weltweit ersten, die das Psychopathische nicht monströs, sondern genuin menschlich dargestellt haben.

Das hätte heimische Kulturgeschichte schreiben müssen. Die Reaktionen waren stattdessen giftig und angriffig: „Angst“ hat Kargl finanziell und wohl auch in seinem künstlerischen Selbstverständnis so erschüttert, dass er seitdem keinen weiteren Film mehr realisiert und auch sein einziges Werk für keine öffentlichen Vorführungen in Österreich mehr freigegeben hat.

Prädikat wertlos. Ein gewaltiger Verlust für die heimische Filmkultur. Einer, der einfach hingenommen wurde. Und auch einer, der stellvertretend für Dutzende andere Regisseure stehen muss, die sich hinausgewagt haben aus der Wohlfühlzone des bürgerlichen Kunstverständnisses, aber oft schon nach ersten Gehversuchen von institutioneller Seite bestraft wurden: zu blutig, zu vulgär, zu grindig, zu nackert. Prädikat: wertlos. Insofern kann und muss man daran glauben, dass das Beispiel von „Ich seh, ich seh“ Schule macht. Dass durch den kommerziellen und künstlerischen Erfolg des Films eine Lanze gebrochen wurde für ein Horrorkino in Blutrot-Weiß-Rot, für eine vielgestaltigere, mutigere, innovativere heimische Produktionslandschaft. Ich seh, ich seh einen Hoffnungsschimmer am Horizont.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2015)