Jeder Spitzenkandidat, der etwas auf sich hält, hat ein Personenkomitee – manchmal auch der Listenzweite. Erfolgreich arbeiten prominente Wahlwerber aber nur, wenn ihr Engagement außergewöhnlich, der Kandidat damit glaubwürdiger ist.
Man glaubt es kaum: Selbst Othmar Karas und Andreas Mölzer haben etwas gemeinsam. Der deklarierte Europäer und der ausgewiesene EU-Kritiker versuchten, einen Spitzenkandidaten bei der EU-Wahl zu verdrängen. Beide bedienten sich dabei eines Personenkomitees. Beide stießen damit ihre Parteispitze vor den Kopf. Und beide wussten die Parteibasis hinter sich. Karas, der Listenzweite der ÖVP, bescherte dem heurigen EU-Wahlkampf damit zumindest ein wenig Spannung und seiner Partei dank unvermuteter Mobilisierung vielleicht doch noch Platz eins. Mölzer zog schon vor fünf Jahren per Vorzugsstimmenwahlkampf am FPÖ-internen Konkurrenten Hans Kronberger vorbei. Was dem damaligen Desaster der FPÖ allerdings keinen Abbruch tat. Sein glühendster Unterstützer damals: Ewald Stadler. Er tritt heute gegen Mölzer an – aufseiten des BZÖ.
Wozu brauchen Politiker ein Personenkomitee und warum geben sich Prominente dafür her? „Meistens handelt es sich um eine reine Pflichtübung“, weiß Politikberater Thomas Hofer. Weil es sich halt so gehört, steht ÖVP-Urgestein Franz Fischler dann für Wolfgang Schüssel ein, Ex-SPÖ-Chef Franz Vranitzky für Alfred Gusenbauer und Hannes Androsch für Werner Faymann. Effekt hat das so gut wie null.
Wie so oft zählt auch bei Personenkomitees das Außergewöhnliche. „Am meisten bringt es, wenn sich jemand für einen Kandidaten stark macht, von dem man das ganz und gar nicht erwartet“, so Hofer. In den USA nennt man das „unlikely bedfellows“. Mit diesen „unerwarteten Bettgenossen“ punktete auch Barack Obama. Colin Powell war so einer. Der Vier-Sterne-General und Außenminister unter George Bush warb für den Demokraten Obama statt für den Republikaner John McCain. Mehr noch: Er distanzierte sich von Bush.
Mit solch einem Glück sind heimische Politiker selten gesegnet. „Vergleichbar ist das am ehesten noch mit dem Engagement von Stephanie Graf, die eigentlich als Rote gilt, für den orangen Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler“, findet Hofer. Der Laufstar sitzt für die SPÖ im Stiftungsrat des ORF und scheute sich dennoch nicht, das BZÖ den „Chaoten von der Kärntner SPÖ“ vorzuziehen. Und das auch so zu sagen. Oder Helmut Zilk und Thomas Klestil: Der rote Wiener Exbürgermeister engagierte sich einst für den schwarzen Präsidentschaftskandidaten bei seiner Wiederwahl und las ein Unterstützungsschreiben von Arnold Schwarzenegger vor. So etwas erhöht die Glaubwürdigkeit eines Kandidaten und streicht seine Überparteilichkeit heraus.
Erwin Pröll und seine Gefolgsleute sind Perfektionisten, was Personenkomitees angeht. Sie beherrschen es perfekt, sich Landtagswahl um Landtagswahl mit honorigen Persönlichkeiten aus Kunst, Sport und Wirtschaft zu umgeben. Was im Übrigen nicht allen Unterstützern des niederösterreichischen Landeshauptmanns zum Vorteil gereicht. SOS Mitmensch distanzierte sich beispielsweise von Schauspielerin und Sängerin Marianne Mendt. Und Herbert Fux musste sogar den Ehrenobmann der Grünen zurücklegen.
Probleme, die Josef Hickersberger nicht kennt. Er gesteht allerdings, dass man sich mit der Unterstützung eines Politikers automatisch Gegner schafft. Was einen früheren Fußballnationaltrainer offenbar nicht aus der Ruhe bringt: „Man kann es sowieso niemandem recht machen.“ Hickersberger, der zurzeit Trainer in Abu Dhabi ist, ließ sich denn auch nicht beirren, sowohl für den schwarzen Erwin Pröll wie auch für den roten Michael Häupl aufzutreten. Die beiden Landeschefs, die gut miteinander können, wird es nicht gestört haben. Aber wie kommt man dazu? Die trockene Erklärung: „Weil ich beide persönlich kenne und sie für die Besten in diesem Job halte.“ Nachsatz: Er habe auch Heinz Fischer unterstützt – auch „ein spezieller Mann“. Und andere Politiker? Standen einige erfolglos an? Hickersberger diplomatisch: „Wahrscheinlich schon.“
Für die Parteizentralen ist es nicht so einfach, honorige Unterstützer zu finden. Gelingt es nicht, ist ihnen die schlechte Nachrede sicher. Im umgekehrten Fall ist der Erfolg auch nicht garantiert. So gesehen ist das Personenkomitee für Karas der „Super-Gau der ÖVP“ (Hofer). Dass der Zweitplatzierte praktisch die gesamte Parteiprominenz hinter sich vereint, während Spitzenkandidat Ernst Strasser auf Unterstützer verzichtete, um nicht noch schlechter dazustehen, ist schlicht desaströs.
Für Karas sind zudem echte Profis am Werk. Kurt Bergmann – ÖVP-Veteran und Licht-ins-Dunkel-Initiator – ist praktisch der Mister Personenkomitee. Er zieht eben gerne übers und Leute an Land. Und Herbert Vytiska war viele Jahre Pressesprecher von Alois Mock. Das Engagement für Karas entstand aus Freundschaft und aus Empörung über die Parteispitze. Dass ÖVP-Chef Josef Pröll Strasser dem EU-Profi Karas vorzog, trieb ihnen die Unterstützter fast von selbst zu. Ganz tatenlos blieb man nicht. „Wir haben vom letzten US-Wahlkampf gelernt und setzen aufs Internet und die Medien“, so Vytiska. Die E-Mails vermehren sich nach dem Schneeballsystem. Zusätzlich setzte man sich mit den anderen „Rebellen“ – Johannes Voggenhuber und Herbert Bösch – zusammen. Quasi als Draufgabe gab es vom Parade-Europäer Mock dessen Europadeklaration für Karas.
So weit lief alles vorschriftsmäßig: „Aussagen Dritter sind glaubwürdiger als alles, womit sich ein Kandidat selbst anpreist. Motto: Na, wenn der das sagt“, meint Hofer. Er hält es dennoch nicht für sicher, dass die Konstellation Strasser/Karas der ÖVP nützt – im Gegensatz zu Vytiska: „Die ÖVP wird wegen unserer zusätzlichen Mobilisierung Nummer eins. Der interne Konkurrenzkampf belebt.“ Hofer ist skeptisch: „Die ÖVP-Linie wurde verwaschen. Karas steht pro EU, Strasser kritisch dazu.“ Die Chance auf den Wahlsieg lebt trotzdem – dank einer schwächelnden SPÖ.
Dass prominenter Einsatz nicht immer belohnt wird, mussten schon viele einsehen. Auch Bergmann zum Beispiel. Mit Verve zog er 2004 für Benita Ferrero-Waldner ins Feld und sogar „Fischer für Benita“ an Land. Die Angler kosteten den „echten“ Heinz dennoch nicht das Bundespräsidentenamt. Für Wolfgang Schüssel war 2006 nicht einmal die bis dahin größte Unterstützergruppe – 21.000 – genug. Und auch die „Initiative K.“ rettete Waltraud Klasnic den Landeshauptmannsessel nicht mehr.
Unangenehm wird's auch, wenn sich die Falschen engagieren. Bruno Kreisky hatte noch einmal Glück. Wie so vieles wurde auch das Personenkomitee erst unter dem Langzeit-SPÖ-Kanzler so richtig en vogue. Die „Geschichten vom Dr. Kreisky“ promotete just Udo Proksch. Ins Zwielicht und ins Gefängnis kam er erst später. „Auch ein Gau“ ist für Hofer das Engagement von Karl Polacek, laut Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) ein Neonazi. Das stärkt nicht gerade die Glaubwürdigkeit des Kandidaten. Vielleicht engagiert sich das nächste Mal ja wieder BZÖ-Mann Stadler für den FPÖ-Veteranen Mölzer. Oder umgekehrt.