Leben für die Party

(c) Die Presse (Teresa Zötl)
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Feiern als Flucht vor dem Alltagstrott? Das Wochenende als Erlösungnach dem Kreuzweg der Arbeitswoche? Die Partyszene setzt zunehmend auf Inszenierung, auf Loslassen von Beruf und Schule. Doch greift das Bild einer Gesellschaft, die nur noch arbeitet, um sich das Ausgehen leisten zu können, nicht zu kurz?

Die Arbeitswoche ist ein notwendiges Übel. Der Alltagstrott der beschwerliche Kreuzweg zur Erlösung am Wochenende, zu durchtanzten Nächten und wilden Partys. Ein Eindruck, der sich aufdrängt, wenn man Danijel Vladimir am Samstag um sechs Uhr morgens bei der After Hour im Sass begegnet. Regelmäßig zieht der 24-Jährige mit Freunden am Wochenende durch Wiens Clubszene – die Veranstaltungen heißen „Myyy Bitch Club“, „Meat Market“ oder „New Amsterdam“. „Als Ausgleich für die Arbeit unter der Woche“, sagt er.

Gegen 22 Uhr beginnt sein Abend, man trifft sich mit Freunden, hört Musik, trinkt ein wenig zur Einstimmung, nach Mitternacht folgt die Clubtour. Tanzen, das ist für den Friseur an diesen Abenden definitiv das Wichtigste, Musik der passende Treibstoff, der ihn bis in die Morgenstunden wach hält. Ein Rhythmus, der für ihn unter der Woche nicht denkbar ist: „Das könnte ich nicht, rein körperlich.“ Will er auch nicht, denn dem Klischee des dumpfen Hacklers, der sich im Job widerwillig durch die Woche kämpft und nur für das Fest am Ende der Woche lebt, will er auf keinen Fall entsprechen.

Ein Bild, das auch statistisch nicht haltbar ist. „Die Arbeit ist nach wie vor zentral“, sagt Doris Kostera, die für Fessel-Gfk die Lebenseinstellungen der Österreicher im Wandel von 20 Jahren untersucht hat. Zugegeben, für den Lebenssinn hat die Erwerbsarbeit massiv an Wichtigkeit verloren, hat sich die Maxime „Arbeit vor Privatleben“ umgekehrt. Doch dass der Job nur mehr als Hamsterrad gesehen wird, das die finanzielle Energie für das Feiern am Wochenende liefert, stimmt so nicht.


Gefeiert wird am Wochenende. Was aber sehr wohl stimmt, ist, dass das Wochenende wichtiger geworden ist – gerade in Sachen Ausgehen. Das gilt zum einen für Jugendliche, denn seit in vielen Schulen am Samstag kein Unterricht mehr gehalten wird, ist das Arbeitspensum unter der Woche gestiegen. Das Fortgehverhalten tendiert dementsprechend viel stärker in Richtung Wochenende, sagt auch Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung. „Unter der Woche gehen Jugendliche kaum mehr aus.“

Zum anderen hat sich aber auch das Ausgehverhalten erwerbstätiger, junger Menschen eindeutig in Richtung Wochenende verschoben. Die berühmte „Afterwork-Party“, vor einigen Jahren als Trend ausgerufen, ist beispielsweise weitgehend wieder verschwunden.

Was nicht heißt, dass unter der Woche gar nicht gefeiert wird. Hier muss man sich allerdings zum Teil von der Vorstellung der klassischen Clubparty lösen – und Vernissagen und Filmpremieren in das Eventspektrum aufnehmen. Nicht selten folgt dort nach dem offiziellen Teil eine Feier mit Livemusik oder DJ, es wird bis in die Morgenstunden durchgetanzt.

„Bei der Premiere vom ,Knochenmann' ist es im Naturhistorischen Museum bis vier Uhr früh gegangen“, erzählt Tiziana Arico. Die 28-jährige Filmjournalistin ist ein Paradebeispiel jener Partygeher, bei denen Beruf und Freizeit zunehmend miteinander verschmelzen. Der dienstliche Besuch geht nahtlos in das Feiern bis zum Sonnenaufgang über. Allerdings: „Wenn ich weiß, dass ich am nächsten Tag früh arbeiten muss, gehe ich natürlich eher früher wieder nach Hause.“


Beruf und Privatleben. Wenn Berufliches und Privates derart verschwimmen, ist ein Schlagwort schnell zur Hand: Networking. Tatsächlich dienen Veranstaltungen zu einem Gutteil dazu, beruflichen Kollegen in privater Umgebung zu begegnen. Kurz: sich zu vernetzen. Die Party büßt dabei in gewisser Weise ihren Charakter als Freizeitaktivität ein, ohne dass es den Gästen richtig bewusst ist – oder indem sie im Gegenteil sogar als spannendes Zwischenglied gesehen wird: „Vorträge, Ausstellungen, Vernissagen – das ist alles mit der Arbeit vereinbar“, sagt Dirk Junklewitz. Durchschnittlich alle drei Tage rückt der 37-Jährige zu diversen Veranstaltungen aus. Zu Veranstaltungen, bei denen er nicht nur berufliche, sondern auch gleich seine privaten Kontakte pflegt – mit einem Newsletter, in dem rund 300 Freunde und Bekannte erfahren, auf welchem Fest er anzutreffen sein wird. Ein machbarer Aufwand für den Architekten, der dazu einfach aus dem Internet seine persönlichen Veranstaltungsempfehlungen zusammenstellt und verschickt.

Planung ist alles. Ein Motto, das nicht nur für Junklewitz gilt, der sein Ausgehverhalten kategorisiert und nach außen trägt. Auch die Veranstalter von Festen müssen sich immer mehr einfallen lassen, um aus der Masse hervorzustechen. Inszenierung ist die Maxime, die einerseits in Partys gipfelt, die unter einem bestimmten Motto stehen – und die andererseits auch die Besucher herausfordert, sich selbst stärker in Szene zu setzen. Sei es die 80er-Party, seien es Feste, bei denen Besucher mit besonders originellem Outfit freien Eintritt bekommen – eine Art „Life Ball light“, sozusagen.

„Sophistication“ nennt Glücksforscher Herbert Laszlo dieses Phänomen – die Tendenz, sich immer komplizierter und planungsintensiver auf Feste vorzubereiten. Der Sinn dahinter? Menschen sind dann glücklich, wenn sie sich mit etwas beschäftigen, das ihre Fähigkeiten optimal ausnützt. Diese „optimal challenge“ gilt nicht nur für das Berufsleben, sondern eben auch für das Freizeitverhalten. Die Selbstinszenierung ist ein Weg, auf dem man sich auch beim Fortgehen ein Glücksgefühl holen kann.

„Wenn ich mich für eine Party ankleide, lasse ich mir etwas Besonderes einfallen“, erzählt Tamara Pomper, „und das kann schon länger dauern.“ Bis zum Morgengrauen tanzt die gebürtige Burgenländerin dann, legt zeitweise selbst auf und gibt sich voll der Inszenierung hin – das Diensthandy hat dann Pause. Für die 24-Jährige sind Partys wie ein Ausflug in eine andere Welt. „Nicht, dass die wirkliche Welt schlecht ist“, meint die Immobilienmaklerin, „aber es ist schön, sich einmal richtig fallen zu lassen.“

„Loslassen“ – für Jugendforscher Ikrath ist das ein aktueller Trend. Ein Indiz dafür sieht er darin, dass Schlagerpartys – in vielen Jugendszenen der Inbegriff der Spießigkeit – plötzlich akzeptiert werden. Viele Discos bieten neben Techno und House schon eigene „Schlagerfloors“ an. „Auch mal ohne Niveau feiern“, nennt Ikrath dieses bei jungen Menschen verbreitete Phänomen, „in einem kulturellen Rahmen, der wenig reflektiert ist.“ Mit anderen Worten: Ohne Nachdenken Spaß haben – eine wenig schmeichelhafte Erklärung. Eine andere ist die ironische Komponente, die in der Inszenierung der heilen Schlagerwelt steckt.


Eskapismus. Eine heile Welt, die trotzdem nicht zwingend voraussetzt, dass das wirkliche Leben, dass Schule und Beruf so furchtbar empfunden werden, dass nur noch der Eskapismus, die Flucht ins Partyleben, als Heilmittel gesehen wird. Arico, Junklewitz, Pommer und Vladimir – sie stehen stellvertretend für eine Generation, die versucht, die Work-Life-Balance, den Ausgleich zwischen Beruf und Freizeit, zu leben. Die Abende und Wochenenden gehören der Party, das stimmt. Doch die Arbeitswoche davor ist bei Weitem nicht nur ein notwendiges Übel.

Netzwerker: Dirk Junklewitz schreibt sogar einen Newslettr, welches Fest er besucht

Um seine Kontakte zu pflegen, schickt der 37-Jährige einen Newsletter an rund 300 Freunde und Bekannte. Darin gibt er Empfehlungen ab, wo die besten Partys stattfinden – und bei welchen davon er sein wird. Durchschnittlich ist der gebürtige Deutsche dreimal pro Woche in einem Club, meistens in Wien. Tagsüber arbeitet er als Architekt, nebenbei legt er bei Festen auch als DJ auf. Mittelfristig will er seine Partyfrequenz etwas reduzieren, denn „jahrelang kann man dieses Tempo nicht mitmachen“.

Ausgleich zur Arbeit: Für Danijel Vladimir ist das Wochenende der Höhepunkt

„Unter der Woche bin ich so eingespannt, da will ich einfach am Wochenende eine gute Zeit haben.“ Sein Geld verdient der 24-Jährige als Friseur, daneben posiert er auch als Model: „Aber davon könnte ich nicht leben.“ Der gebürtige Stuttgarter, der seit 2006 in Wien lebt, sieht sich als reiner Konsument von Partys. Tanzen spielt für ihn eine große Rolle, von Dresscodes hält er nicht viel. Und eines geht ihm in Wiens Partyszene besonders ab: „Das Angebot an After Hour-Lokalen ist nicht so groß.“

Arbeit und Freizeit: Tiziana Arico feiert beruflich - bei Filmpremieren

Gute Unterhaltung, gute Musik – und das alles noch dazu als Teil des Jobs. Die Filmjournalistin besucht regelmäßig Premierenfeiern, die danach in Partys übergehen. Doch selbst dann wird gearbeitet, immerhin trifft man dort viele Leute, von denen man Infos bekommen kann. Im Rathaus, in der Roten Bar im Volkstheater, im Gartenbau-Kino, im MAK oder im phil ist die 28-Jährige am häufigsten unterwegs. Besonders rund um Filmfestivals ist sie mehrmals pro Woche im Einsatz, sonst nur etwa zweimal pro Monat

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2009)

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