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Die ganz armen Kinder

(c) Die Presse (Teresa Zötl)
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Neue Blicke auf Ferdinand Georg Waldmüller. Der Biedermeier-Star war kein Schönmaler und Idylliker. Eine große Ausstellung im Belvedere will das beweisen. Einige Kunstmarkt-Experten bezweifeln diese These allerdings.

Mit 14 Jahren verließ er sein Elternhaus. Der Vater war Wirt, starb früh. Der Bub sollte Priester werden. Ein sicheres Auskommen, so hoffte die Mutter. Der Knabe weigerte sich, auch nachdem die Mutter die Unterstützung für ihn gestrichen hatte. Ferdinand Georg Waldmüller verdingte sich als Kolorist, Lehrer und Kulissenmaler. Er studierte an der Akademie, wo man vorwiegend zeichnen, aber nicht malen lernte. Das Malen musste man sich selbst aneignen – u. a. durch Kopieren.

Die Kürze der Kinderzeit wird heute beklagt. Damals war sie noch kürzer. Der Nachwuchs musste früh mitverdienen. Jung-Ferdinand war als Künstler privilegiert. Er musste keine Ziegel schleppen und nicht in der Schmiede schwitzen, wie er es später auf seinen Gemälden zeigte. Einige davon, etwa „Bautaglöhner erhalten ihr Frühstück“ (1859/60) oder „Beim Hufschmied“ (1854) sind in der Waldmüller-Ausstellung ab Dienstag, 9. Juni, im Belvedere zu sehen. Die Schau wurde zuvor im Pariser Louvre präsentiert. Zeigte der Louvre 40 Werke, sind es in Wien 120. Die vielen herzigen Kindlein auf Waldmüller-Gemälden betrachtet man anders, wenn man seine Vita kennt. Kunsthistorikerin Sabine Grabner vom Belvedere will mit der Schau überhaupt einen neuen Blick auf Waldmüller erreichen. „Er war kein Schönmaler“, betont die Kuratorin und verweist auf Gemälde wie „Erschöpfte Kraft“ (1854): Eine Frau ist neben ihrem schlummernden Kind – vielleicht ist es auch krank – gestürzt.

Weitere Beispiele: Menschen sammeln Reisig im Wienerwald. Bauern werden die Tiere gepfändet. Eine verstörte Mutter mit zwei Kindern auf dem Arm verlässt ihr Haus: „Die Delogierung“ ist eines der berühmtesten Waldmüller-Gemälde. Späte Bilder wirken oft dramatischer als frühe. Vielleicht hat der Künstler mit zunehmendem Alter das Elend der unteren Stände schärfer wahrgenommen und entsprechend dargestellt.

Eine große Veränderung liegt auch zwischen den Selbstporträts von 1828 – ein eleganter, fast dandyhafter Mann blickt den Betrachter an – und 1848: Das Haar ist licht geworden, die Züge sind kantig, der Blick schweift nachdenklich zur Seite. Die Pose des arrivierten Malers mit Zeichenstift im Samt-Talar wirkt bewusst gewählt und abweisend. Wie war Waldmüller? „Er war kein angenehmer Zeitgenosse“, sagt Grabner: ehrgeizig, konsequent, ständig dabei, seine Kunst zu verbessern. Mit seiner ersten Frau, der Hofopernsängerin Katharina Weidner, die ähnlich berühmt war wie heute eine Elina Garanca, hatte Waldmüller drei Kinder. Das Paar ließ sich scheiden, kam wieder zusammen, trennte sich erneut. Doch bis zur Wiederverheiratung mit der Modistin Anna Bayer musste Waldmüller warten. Nachdem die erste Frau gestorben war, ehelichte er die zweite. Seine Karriere hatte da gerade einen bösen Knick erlitten: Akademie-Professor Waldmüller schlug vor, die Akademie aufzulösen und mit dem Geld zeitgenössische Kunst anzukaufen. Die Secessionisten hoben ihn dafür posthum auf den Schild. Die Zeitgenossen tobten. Er verlor sein Akademie-Atelier, wurde von seinem Professorenposten suspendiert und musste seine Bilder im Modesalon seiner Gattin zeigen. Er wandte sich dem Ausland zu. Dort erwarb er in Ausstellungen jenes Renommee, das schließlich dazu führte, dass Kaiser Franz Joseph I. ihn nach einer Audienz persönlich rehabilitierte.

Wie haltbar ist die These vom Künstler, der keine Idylle-Darstellung im Sinn hatte? „Sie ist völlig richtig“, sagt Dorotheum-Expertin Christl Wolf: „Allein wenn Sie Waldmüllers Lebenslauf anschauen, sehen Sie, dass er mit der reinen Idylle nicht verbunden war. Ein Gemälde wie ,Die unterbrochene Wallfahrt‘, da ist von Idylle keine Rede.“ „Die Käufer aus der Zeit Waldmüllers waren Angehörige der Bourgeoisie, da waren viele Neureiche dabei, die sich bei seinen Bildern an ihre Wurzeln erinnert fühlten“, meint Claude Piening von Sotheby's in London: „Diese Käufer suchten die goldigen, fröhlichen Kinder, niedliche Motive aus dem alltäglichen Leben.“ Heute seien Waldmüller-Bilder „die Inkarnation der österreichischen Idylle. Wobei Amerikaner in diesen Gemälden ihre eigenen Abbildungen des agrarisch-ländlichen Lebens aus dem 19.Jahrhundert wiederfinden“, so Piening.

„Die Bewertung eines Bildes liegt allein im Auge des Betrachters“, erklärt Otto Hans Ressler von den Wiener Kunstauktionen im Kinsky: „Vor 100 Jahren dachte man, Rembrandt sei ein schlechter Maler. Und das Gleiche galt für Klimt. Zu seiner Zeit schätzte man Künstler wie Christian Griepenkerl (1839–1912). Heute nehmen wir Bilder von ihm gar nicht mehr an. In Erinnerung ist er nur geblieben, weil er Klimts Lehrer war.“ Die Schönheit von Waldmüller-Gemälden entspringe dem Wunsch, die Welt und den Menschen besser zu machen: „Das geht auf Goethe oder Schiller zurück. Waldmüllers Kinder haben keine schmutzigen Füße. Der Bettler geht zwar in Fetzen, aber er bewahrt seine Würde“, erläutert Ressler: „Heute würde man einen Bettler oder einen Obdachlosen, um auf seine Lage aufmerksam zu machen, möglichst drastisch elend darstellen.“

Einig sind sich die Kunstmarkt-Experten weitgehend über Waldmüllers Marktwert. Er ist fester Bestandteil des Kanons der Kunstgeschichte des 19.Jahrhunderts „Mit den Wertsprüngen, die Künstler wie Rainer, Nitsch oder Attersee gemacht haben, kann Waldmüller nicht mithalten. Aber er hält sein Niveau, geht sacht aufwärts“, so Ressler.

Wobei es bei den Preisen himmelweite Unterschiede gibt. Meisterwerke wie „Die unterbrochene Wallfahrt“ klettern über eine Million Euro, Landschaften, Genre-Bilder sind für bis zu 500.000 Euro zu haben, Porträts für 20.000 bis 35.000. Kopien, die Waldmüller in seiner Frühzeit im Kunsthistorischen Museum anfertigte, bekommt man schon für 10.000 Euro. Der höchste Preis, den ein Waldmüller-Gemälde je erzielte, war „Großvaters Geburtstag“ bei Sotheby's London, das 1989 für 1,87 Mio. Euro wegging. „Die unterbrochene Wallfahrt“ (1853), in der Ausstellung zu sehen und heute im Besitz der Liechtenstein-Sammlungen, brachte rund 1,3 Mio. Euro, „Der Guckkasten-Mann“ im Kinsky ebenfalls rund eine Million Euro. „Die Kranzljungfer“, ein schönes und auch recht bekanntes Gemälde, erzielte letztes Jahr bei Sotheby's nur enttäuschende 265.000 Euro.

Warum kostet ein Waldmüller so viel weniger als Werke französischer Realisten, etwa Gustave Courbets (1819–1877)? „Weil das völlig verschiedene Welten sind“, so Christl Wolf (Dorotheum). „Waldmüller ist im 19.Jahrhundert verhaftet, während Courbet in Richtung 20. Jahrhundert verweist.“ „Nationales Lobbying“, urteilt Ressler, „in der vorimpressionistischen Weltzentrale Frankreich wurde ein Courbet höher geachtet. Wäre Waldmüller Franzose gewesen, hätte er höhere Preise.“

Was gibt es noch für Besonderheiten an Waldmüller? Belvedere-Kuratorin Sabine Grabner: Anders als vielfach angenommen, habe der Künstler nicht nach Fotos gemalt, in seinem Nachlass wurden auch keine gefunden. Er habe aber fotografische Perspektiven verwendet, wenn er etwa ländliche Szenen in ungewöhnlichem Licht und von unten dargestellt habe. Auf seiner Reise nach England lernte er die Präraffaeliten kennen, die ihn aber weniger beeinflussten als die holländische Malerei. Schon zu seinen Lebzeiten hat er sehr gut im Ausland verkauft. Sowohl Napoleon III. als auch Königin Victoria erwarben Bilder Waldmüllers. Dabei wirken einige seiner „offiziellen“ Porträts gar nicht offiziell und überhöht, wie das in früheren Jahrhunderten Pflicht war. Da sieht eine ehemals bildschöne Burgschauspielerin als alte Dame sehr realistisch wie eine Matrone aus. Ein Mädchen in Brokat lümmelt lässig im Sessel, ein Kavalier wurde im Schlafrock porträtiert.

Natürlich konnte Waldmüller auch anders: Seine schöne Frau Anna sah er mit den Augen der Liebe, eine gezierte Pose nimmt ein junger Herr auf einem Lehnstuhl ein, auch zwei Herrschaften namens Bartsch sehen klassisch formell aus. War das Publikum begeistert, malte Waldmüller, der keine Werkstatt hatte wie die alten Meister, ein Sujet gleich mehrmals, wie z. B. das „Mutterglück“, das es zehnmal gibt. Grabner wünscht sich vor allem, dass Besucher bei Waldmüller wieder genauer hinsehen, auch wenn er in ihrer Kindheit auf vielen Kalenderblättern prangte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2009)