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Ein Nobelpreisträger in Rage: „Kiss my ass“

Ernest Hemingway´s Certificate of Identity of Noncombatant, 1944 May 20, Non-Morgan, John F. Kennedy Presidential Library and Museum.
Dokument und Visum, das Ernest Hemingway im Mai 1944 als „War Correspondent“ ausweist.(c) The Morgan Library & Museum
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In New York sind derzeit Erstausgaben, Notizbücher und Briefe von Ernest Hemingway aus der Zwischenkriegszeit zu sehen. Sie zeigen einen ehrgeizigen, aufbrausenden und nicht besonders kritikfähigen Schriftsteller.

Mit Kritik konnte Ernest Hemingway schlecht umgehen, vor allem, wenn sie von einer Frau kam. Als Kollegin Virginia Woolf in ihrer Rezension über seinen 1927 erschienenen Band „Männer ohne Frauen“ (Original: „Men Without Women“) bemerkte, die Geschichten darin würden vor selbstbewusster Männlichkeit strotzen, empfand das der damals 28-jährige Schriftsteller als Beleidigung. Seinem Verleger Maxwell Perkins schrieb er jedenfalls, Woolfs Kritik sei „verdammt irritierend“.

Weitaus freundlicher zugewandt war Hemingway im Lauf seines Lebens einer Reihe männlicher Kollegen. Richtiggehend überrascht war etwa der 20 Jahre jüngere J. D. Salinger, als Hemingway bei ihrer ersten Begegnung – an der Bar des Ritz in Paris – zu verstehen gab, er kenne und schätze seine Romane. Das war im August 1944, „Der Fänger im Roggen“ war da noch gar nicht geschrieben, und die beiden Amerikaner waren in Paris auf Erholung vom Schlachtfeld. Der Jüngere als Soldat der US-Armee zwischen zwei Feldzügen, der Ältere als Kriegskorrespondent für die Zeitschrift „Collier“. Später schrieben sie sich Briefe – und Salinger bedankte sich darin bei Hemingway: Ihre Gespräche in Paris seien „die einzigen hoffnungsvollen Minuten“ während seiner Europa-Mission gewesen.

 

Zwei Mal freiwillig im Kriegseinsatz

Einer dieser Briefe ist derzeit neben vielen anderen Korrespondenzen – u. a. Briefen an den Vater, einer Einladung zum Tee von Gertrude Stein an ihn und seine erste Frau Hadley –, handgeschriebenen Manuskripten, Erstausgaben, Fotos und Notizbüchern in der New Yorker Morgan Library zu sehen. Die Ausstellung „Between Two Wars: 1919– 1939“ konzentriert sich auf die zwei produktivsten Jahrzehnte Hemingways zwischen den Weltkriegen. Am Ende des Ersten, kurz nach seinem Highschool-Abschluss, hatte sich der spätere Literaturnobelpreisträger (1954) freiwillig als Fahrer für das Rote Kreuz gemeldet. Nach wenigen Wochen an der italienischen Front wurde er von einer Granate verletzt, kam vom Feldspital ins Krankenhaus nach Mailand und verliebte sich dort unglücklich in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky. Die unerfüllte Liebe und die Fronterlebnisse waren Stoff für den Roman „In einem anderen Land“ („A Farewell To Arms“). Im Zweiten Weltkrieg war er nach Jahren als Korrespondent in Paris und Key West (Florida) ab 1944 als Kriegskorrespondent im Einsatz. Er war ein scharfer Beobachter, der zwar fleißig Artikel schrieb, aber zurück an der Bar im Pariser Ritz ebenso fleißig das Geld ausgab. Den Chefredakteur des „Collier“ ärgerte das so sehr, dass er seinem da schon prominenten Autor erklärte, er bekäme das vereinbarte Honorar nicht mehr, da die Ausgaben in Paris das Budget gesprengt hätten.

Die aktuelle Ausstellung konzentriert sich weniger auf die Reisen (unzählige), Ehefrauen (vier) und Kinder (drei) Hemingways, sondern auf sein literarisches Werk und die Arbeit an seinen Texten. Welche Frau gerade an seiner Seite war, erfährt man nur, wenn vermerkt wird, wer seine handschriftlichen Texte ins Reine tippte. Insgesamt entsteht das Bild eines sehr selbstbewussten, sogar eitlen, aber dennoch von Ehrgeiz und Unsicherheit geplagten Autors. Und eines Sammlers, der an seinen eigenen Notizbüchern, Manuskripten und Aufzeichnungen ebenso hing wie an Dokumenten und seiner Erkennungsmarke der US-Armee. Vieles aus dieser Sammlung ist nun erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich, das meiste sind Leihgaben der John F. Kennedy Presidential Library in Boston. Sie spannen einen Bogen von Hemingways ersten Texten in der Schülerzeitung „The Tabula“ bis zu seiner Zeit als Kriegsreporter in Europa. Gertrude Stein, die umtriebige Salon-Gastgeberin des Pariser Rive Gauche, war Anfang der 1920er-Jahre eine seiner ersten literarischen Mentorinnen. Eine handschriftliche Notiz von ihr auf einem Manuskript seines Romans „Paris – Ein Fest fürs Leben“ („A Moveable Feast“) erinnert daran, dass der junge Autor der älteren Freundin den Begriff der „Lost Generation“ der Kriegsteilnehmer zu verdanken hat. Ein paar Jahre und einige Missverständnisse später war ihre Freundschaft dennoch ebenso perdu wie die von den beiden ausgerufene Generation.

Fast ohne Störungen verlief hingegen die Freundschaft zwischen Hemingway und dem drei Jahre älteren F. Scott Fitzgerald. Die beiden schrieben sich nicht nur regelmäßig Briefe und standen sich in privaten Krisen bei, Fitzgerald war einer der treuesten Begleiter Hemingways. Die seitenlangen Anmerkungen zum Entwurf seines Romans „In einem anderen Land“ schloss er überschwänglich: „What a beautiful book it is.“ Hemingway reagierte zunächst beleidigt mit einem lapidaren „Kiss my ass“, nahm sich Fitzgeralds Ratschläge später dennoch zu Herzen.

Wie rüpelhaft und aufbrausend Hemingway sein konnte, zeigt auch seine Notiz an den Chefredakteur des „New Yorker“. Dem Autor der Kritik zu seinem neuen Roman „Über den Fluss und die Wälder“ („Across The River And Into The Trees“, 1950) ließ er darin ausrichten: „Please inform Mr. Alfred Kazim (or Kasin) or however the poor shit spells it, he can stick (STICK) his review up his ASS repeat ASS.“

ZUR PERSON

Ernest Hemingway (1899–1961) meldete sich 1918 nach Abschluss der Highschool freiwillig als Fahrer für das Rote Kreuz und wurde kurz darauf an der italienischen Front verletzt. Der viermal verheiratete Autor, der 1954 den Literaturnobelpreis (u. a. für „Der alte Mann und das Meer“) gewann, war später als Reporter, Paris-Korrespondent und Kriegsreporter während des Zweiten Weltkriegs tätig.

„Ernest Hemingway: Between Two Wars“: bis 31. 1. 2016 in der Morgan Library, New York.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2015)