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„Eugen Onegin“: Seelendrama als Fest der schönen Stimmen

Anna Netrebko(c) Michael Poehn
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Anna Netrebko hat ihre beseelte Interpretation der Tatjana noch ausgefeilt. Christopher Maltman, erstmals in der Titelpartie in Wien zu sehen, der sensible Tenor Dmitry Korchak und Ferruccio Furlanetto erweisen sich als ebenbürtige Partner und gestalten sich ihre Regie selbst.

Eine festspielreife Sängerbesetzung garantiert schon während der Vorstellung immer wieder Jubelstürme in der Staatsoper. In einem Fall schien das programmiert: Anna Netrebko war wieder als Tatjana zu erleben. Und sie machte Tschaikowskys beliebtestes Musiktheaterwerk zu dem, was der Untertitel verheißt: zu „lyrischen Szenen“. Vieles in diesem Werk, das ausdrücklich keine „Oper“ sein will, passiert quasi zwischen den Zeilen, in Andeutungen, Ahnungen, Gedanken, ausgesprochen nur von den Tönen, nicht vom Text.

Von den vielen Partien der großen Menschengestalterin Netrebko ist dies daher vielleicht eine der zentralen in ihrem Repertoire. Die Facetten der sensiblen Jungmädchen-Figur spielt sie nuancenreich aus, als ginge es nicht darum, auf einer Opernbühne, sondern am Filmset zu reüssieren. Zartes Aufblühen der Liebe, deren vulkanöse Entfaltung, aber auch die Resignation nach der brüsken Zurückweisung durch den eitlen Onegin spiegeln sich in Gesten und Blicken, wie eh und je. Vokal aber gestaltet die Netrebko ihre Rolle so differenziert und nuancenreich wie noch nie.

Die erzählerische Kraft, die von dieser Künstlerin ausgeht, reißt – der auf deutschem Provinzniveau mit vielen halbseidenen Regie-„Ideen“ und wenig theatralischer Substanz angesiedelten Inszenierung Falk Richters zum Trotz – das gesamte Ensemble mit. Man spielt das Stück, gleich ob es rundum sogar dann schneit, wenn im Libretto von der unerträglichen Hitze die Rede ist.

 

Bekannte Größen, neuer Titelheld

Stimmlich herrscht an diesem Abend insgesamt Feierstimmung. Wie die Netrebko nicht nur ihre große Briefszene mit atemberaubender Intensität gestaltet, sondern auch die sonst unscheinbaren Passagen – etwa den Beginn des dritten Bilds, wo sie nervös die Wiederkehr Onegins erwartet – zu blutvollem Bühnenleben erweckt, gelingen auch den übrigen Darstellern packende tönende Charakterbilder.

Ovationen gab es daher auch für den Lenski von Dmitry Korchak, dessen Arie zum zweiten Höhepunkt der Aufführung wurde: aus introvertierten, melancholischen Pianophrasen anwachsend zum bewegenden Protokoll völliger Verzweiflung.

Auch dem neuen Titelhelden, Christopher Maltman, gelang Vergleichbares; nicht zuletzt im Final-Dialog mit Tatjana, wo er wie in Trance zwischen himmelhoch jauchzendem Begehren und zu Tode betrübter Sinnleere zu taumeln schien, ein klingendes Seelenprotokoll, ganz wie's bei Tschaikowsky in den Noten steht. Apropos: Das Orchester unter Patrick Lange wollte nach eher gebremstem Beginn spätestens im dritten Akt auch nicht mehr zurückstehen und sorgte, wenn es auch nie die Führung übernahm, zumindest für pulsierende Begleitstimmen.

Luxuriös, versteht sich, auch die bis in tiefste Lagen klangschönen Phrasen in Ferruccio Furlanettos Gremin-Arie, lebendig und im rechten Moment auch aus der Koketterie in panische Ratlosigkeit verfallend die Olga der Zoryana Kushpler, gut besetzt die kleineren Partien mit Pavel Kolgatins stimmschönem, von der Regie freilich in eine jämmerliche Rolle gedrängtem Triquet. Das Publikum, das oft atemlos gelauscht hatte, zuletzt im Feierstimmung. (sin)

„Eugen Onegin“. Reprisen am 28. 10., 2. und 5. 11.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2015)