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Thailand: Der mit den Tigern lebt

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Phra Acharn ist ein Mann der Extreme: Mit 26 besiegte er seine Leukämie mittels Meditation. Dann wurde er als „Tigermönch“ berühmt. Ein Schlüsselerlebnis war für Phra Acharn die Geburt des ersten Tigers im Kloster.

Mit 26 Jahren bereitete sich Phra Acharn auf das Sterben vor. Diagnose: Leukämie. Prognose: sechs Monate. Die einzige Behandlung gab es im Ausland – und das war damals ein Ding der Unmöglichkeit. Also ging Phra Acharn in den Wald, um den Rest seines Lebens als Mönch zu verbringen. Als Erstes erklärte ihm sein Lehrmeister, wie man beim Sterben atmen muss. Als Zweites, was beim Sterben aus buddhistischer Sicht im Körper vor sich geht. Als er das verstanden hatte, begann Phra Acharn zu meditieren.

Das ist mehr als 30 Jahre her. Heute ist Phra Acharn eine Berühmtheit. Weltweit haben Medien über ihn und sein besonderes Kloster berichtet – das Kloster, in dem die Tiger leben. Aus aller Welt kommen Touristen, bis zu 200 am Tag. Selbst hat Phra Acharn sein Land noch nie verlassen. Doch jetzt ist er da, in Wien, um von Thailands Wissen und Kultur zu erzählen.

Ein Zweig zum Zähneputzen. Um elf Uhr vormittags sitzt er im Schneidersitz auf Bastmatten auf der Wiese des Campus im Alten AKH und isst Rambutan, eine thailändische Frucht, rot mit grünen Haaren. Vor ihm steht noch der Topf, mit dem er, ganz wie im thailändischen Klosteralltag, um Gaben für die einzige tägliche Mahlzeit gebeten hat. Nach dem Essen reinigt er seine Zähne mit einem Zweig, dann ist er bereit fürs Gespräch.

Als Kind wollte er immer der Beste sein, erzählt Phra Acharn. Aufgewachsen in einer armen Familie in Samut Prakan, südöstlich von Bangkok, blieb für das mittlere von neun Geschwistern aber wenig Aufmerksamkeit. Mit neun Jahren nahm ihn sein Onkel auf, ein kluger Mann, der ihn zur Schule schickte. Phra Acharn war ehrgeizig, Jahr um Jahr errang er Stipendien. Später ging er zur Uni, schloss in Politikwissenschaft ab. Dann kam die Leukämie.

Und mit ihr die Meditation. Er meditierte im Sitzen, im Gehen und im Stehen, er perfektionierte seine Konzentration. In der Meditation, sagt er, habe er verstanden, dass Körper und Seele zusammenarbeiten müssen. Wer sich zu sehr auf den Körper konzentriere und seine Seele vernachlässige, der habe ein Problem. Wie er. Ab da habe er gewusst, dass er nicht an Leukämie sterben würde. Zum Arzt ging er nie wieder.

Heilung durch Meditation? Diese Möglichkeit habe jeder, sagt Phra Acharn. „Jeder hat das Recht zu wählen. Man kann entweder nichts tun oder seine Krankheit überwinden.“ Eigentlich sei es ganz einfach. „Solange man atmet, ist man nicht tot. Man muss nur einatmen.“ Dass das alles dann doch nicht ganz so leicht ist, gesteht freilich auch er ein. „Natürlich kann man es den Menschen erklären. Viele hören auch zu, aber nicht alle verstehen es wirklich. Und noch weniger können es umsetzen.“

Einen Versuch sei es dennoch wert, meint Phra Acharn mit gelassener Heiterkeit: „Wer sich mit der Lehre Buddhas beschäftigt und trotzdem stirbt, geht glücklicher und zufriedener.“

Schwach, krank, den Tod vor Augen: In diesem Zustand war auch der erste Tiger, der zu ihm gebracht wurde. Schon zuvor hatten Tiere bei ihm Zuflucht gefunden. 1994 gründete Phra Acharn ein thailändisches Waldkloster, in dem die Mönche in der Abgeschiedenheit der Natur ihren Geist trainieren. Irgendwann brachten ihm die Dorfbewohner ein verletztes Huhn. Dann folgten Pfaue, später eine Wildschweinfamilie. Bald war das Kloster eine heilige Menagerie.

Das Tigerbaby und die Giftinjektion. Vor zehn Jahren kam dann das Tigerbaby. „Es war krank, wie ich“, sagt der Mann, der heute selbst „Tigermönch“ genannt wird. Wilderer hatten die Mutter des Tieres erschossen, das Kleine sollte getötet und ausgestopft werden, doch es überlebte die Giftinjektion und landete im Kloster. Die anderen Tiger kamen dann ganz wie von selbst.

Ein Schlüsselerlebnis war für Phra Acharn die Geburt des ersten Tigers im Kloster. Eines Morgens erschien ihm bei der Meditation ein Mann, der um Aufnahme bat. Als der Mönch ins Dorf ging, erfuhr er, dass derselbe Mann bei einem Autounfall gestorben war. Am selben Tag wurde der Tiger geboren. Phra Acharn ist überzeugt, dass er die Reinkarnation des Toten ist.

Heute leben 42 Tiger im Waldkloster. Längst hat der Mönch die Tiger gebeten, „mitzuhelfen, um ihr Futter zu verdienen“. Und er hat gelernt, mit ihnen zu kommunizieren. Angst hat er keine vor den Tigern – höchstens um sie. Deshalb baut Phra Acharn gerade ein großes Tigerrefugium. Um die Raubkatzen vor dem Aussterben zu bewahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2009)