Geht es nach Fernando Alonso, ist der Job des Formel-1-Piloten der beste der Welt. Der »Presse am Sonntag« verrät er seine Tricks und erklärt auch die Dominanz von Brawn-GP. Ans Aufgeben denkt er trotz des Rückstands »sicher nicht«.
Herr Alonso, verläuft die Formel-1-Saison weiterhin so eintönig, fährt Jenson Button im Brawn-GP weiter allen auf und davon? Oder haben alle anderen bereits aufgeholt?
Fernando Alonso: Schwer zu sagen. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge ist es allerdings schon eindeutig: Brawn-GP ist das stärkste Team. Es hat auf jeder Strecke enorme Vorteile gegenüber allen anderen. Dazu macht Jenson Button einen hervorragenden Job. Er ist der Fahrer, den wir besiegen müssen.
Wie hoch sind eigentlich noch Ihre Hoffnungen, den Titel in dieser Saison zu gewinnen? Es wäre immerhin Ihr dritter ...
Um es ganz ehrlich zu sagen: Wir müssen es akzeptieren, dass wir heuer nicht in den Titelkampf eingreifen können. Wir geben deshalb aber nicht auf, im Gegenteil. Es gibt noch einige Rennen, und wer weiß, vielleicht schlagen wir bald zurück. Spätestens in der zweiten Saisonhälfte könnte ja alles schon wieder ganz anders aussehen.
Warum ist Brawn-GP so dominant? Was macht das Team von Ross Brawn anders, wie kann man den Unterschied verstehen?
Es ist offensichtlich, dass Brawn einen anderen Weg gefunden hat, um die Regeln beim Bau seines Rennwagens rund um den Doppeldiffusor zu interpretieren. Sie hatten dafür auch mehr Zeit als alle anderen investiert, um das Auto für 2009 fertigzustellen – sie hatten schon in der Saison 2008 mit vollem Einsatz begonnen. Bei Renault hatten wir unsere Ressourcen aufgeteilt, auch wegen des Saisonverlaufs. Aufgrund seiner Vorarbeit liegt Brawn vorne, aber wir kommen näher. Nur das braucht eben noch seine Zeit.
Welche Rolle spielt dabei das Know-how von Ross Brawn? Er wird ja nicht umsonst als „Superhirn“ gehandelt. Kann man ihn mit Flavio Briatore vergleichen?
Für mich ist es sehr schwierig, mir eine Meinung über Ross zu bilden. Ich habe mit ihm ja noch nie gearbeitet! Und ihn mit Flavio zu vergleichen, ist nicht wirklich passend. Sie übernehmen schließlich unterschiedliche Rollen bei verschiedenen Teams.
Ist aufgrund dieser Überlegenheit und der klaren Führung von Button in der Fahrer-WM die Saison bereits entschieden? Wenn ja, ist dann nicht bei allen die Luft raus?
Jenson ist sicherlich in einer sehr starken Ausgangslage. Sein großer Vorsprung spricht eindeutig für ihn. Es dürfte tatsächlich für jeden sehr schwierig werden, ihn noch einzuholen.
Macht wirklich nur das Auto den wahren Champion aus?
Das Auto ist sehr wichtig. Allerdings musst du das meiste selbst herausholen. Vor allem musst du deine Erkenntnisse und das Potenzial des Autos in Ergebnisse umwandeln.
Was ist es für ein Gefühl, wenn man Button vorne wegfahren sieht und ihm nicht und nicht nahekommt?
Rennfahrer müssen akzeptieren, dass sie nicht immer das beste Auto haben. Ich hatte das Glück, in einigen wettbewerbsfähigen, in sogar sehr guten Autos zu sitzen. Ich habe um Siege kämpfen und gewinnen können. Ich wurde mit Renault auch zweimal Weltmeister – und jetzt ist eben Jenson in dieser Position. Er holt das Beste raus. Für mich ist es schon eine Enttäuschung, nicht mit ihm kämpfen zu können. Aber wir sind noch immer motiviert genug, ihn überholen zu wollen.
Wie geht man als Formel-1-Pilot mit Gefühlen um? Wie kontrolliert man sie während eines Rennens?
Formel-1-Fahrer müssen mental stark sein, sehr sogar. Natürlich fahre ich immer mit Leidenschaft, mit Energie, und manchmal bin ich auch frustriert. Aber Kontrolle muss sein, nur so kannst du negative Energien in positive Impulse umwandeln.
Welchen Stellenwert genießt die Formel 1, was bedeutet diese Serie für Sie?
Für mich gibt es nichts Schöneres, als Formel 1 zu fahren! Racing ist meine Leidenschaft – und etwas anders würde ich gar nicht machen wollen.
Hatten Sie als Kind auch ein Idol? Sehen Sie sich nun selbst als eines?
Ayrton Senna war immer eine Inspiration. Dieser Mann hatte Charisma! Er war Weltmeister, als ich erstmals die Geschehnisse in der Formel 1 verfolgt habe. Zu ihm habe ich immer aufgeschaut. Ich selbst sehe mich in gewisser Weise jetzt auch als Vorbild, daher versuche ich, mich auch immer gut zu benehmen – auf und abseits der Rennstrecken. Ich will ein gutes Beispiel sein für die nächste Generation.
Was war Ihr schönster, was war der schlimmste Moment in Ihrer Karriere?
Der beste war der WM-Triumph mit Renault beim GP von Brasilien im Jahr 2005. Das war unheimlich. Darauf hatte ich mein ganzes Leben lang hingearbeitet! Schlechte Erinnerungen habe ich keine, obwohl es durchaus enttäuschende Momente (Anm.: bei McLaren-Mercedes) gab, als wirklich nichts funktionierte. Ich kann aber ziemlich schnell und leicht alles vergessen.
Wie sehr beeinflussen die Budgetdiskussionen einen Fahrer? Hat auch ein F1-Pilot Angst um seinen Arbeitsplatz?
In den letzten Wochen musste man schon darüber nachdenken. Ich fragte mich oft, ob dieser Sport in Zukunft noch derselbe sein wird, der er heute ist. Ich habe immer gesagt, dass Formel1 der Inbegriff für Motorsport sein muss, für Fahrer, Teams und Technologie, für alles einfach. Und ich hoffe, dass man jetzt schnell eine Lösung findet, die wirklich jeden glücklich macht.
Wie sieht ein Sonntag aus, an dem Sie nicht Rennen fahren?
Wir haben einen derart hektischen Terminplan während der Saison, dass kaum Freizeit bleibt. Habe ich aber ein Wochenende frei, bin ich daheim und entspanne. Dann treffe ich mich auch mit der Familie oder mit Freunden bei einem gemeinsamen Abendessen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2009)