Dass Bakterien krank machen, war lange unbekannt – und umstritten: Der Arzt Max von Pettenkofer wollte 1892 noch im Selbstversuch beweisen, dass Cholerabakterien harmlos sind.
Im Jahr 1840 postulierte der deutsche Pathologe Josef Henle die Existenz von „contagia animata“, lebenden Krankheitsüberträgern. Er wollte die seit Hippokrates von Kos (um 460–375 v.Chr.) herrschende Meinung widerlegen, Krankheiten kämen von „Miasmen“, giftigen Ausdünstungen des Bodens. Henles „Kontagien“ heißen heute „Bakterien“, aber 1840 war die Zeit noch nicht reif. Erst Louis Pasteur und Robert Koch konnten in den 1870er-Jahren Bakterien nachweisen.
Aber einer wollte sie nicht zur Kenntnis nehmen, der Arzt Max von Pettenkofer, ausgerechnet er, der die Hygiene als eigenes Feld der Medizin etabliert und in München für eine öffentliche Wasserversorgung gesorgt hatte, durch die die Stadt 1892 von einer Cholerapandemie verschont blieb, die in Hamburg 8000 Opfer forderte. Pettenkofer hing den Miasmen an – er nannte das für Cholera „Faktor X“–, er stand auch in persönlicher Konkurrenz mit Koch. Dem und der Welt wollte er beweisen, dass die Cholera nicht von den Bakterien stammt, die Koch 1884 isoliert hatte – Vibrio cholerae –, er wollte es drastisch tun. „Ich will nach dem alten ärztlichen Grundsatz handeln: fiat experimentum in corpore vili“, schrieb er 1892: „Ich habe das Recht, mich als einen Corpus vili (als einen zu nichts mehr taugenden Körper) zu betrachten. Ich bin 74 Jahre alt, habe keinen Zahn mehr im Munde.“ Koch schrieb er das nicht, von ihm erbat er unter einem Vorwand Cholerabakterien und schluckte sie.
Leichter Durchfall war die Folge, mehr nicht. Aber Pettenkofers Triumph war nicht von Dauer, sein Assistent, der den Selbstversuch wiederholte, erkrankte ernsthafter. Damit waren die Miasmen aus der Welt, Infektionen kamen von lebenden Überträgern, Bakterien und Viren. (Bei Letzteren ist strittig, ob sie leben; außer Streit steht, dass sie töten können.) Und nicht nur Infektionen kommen von Bakterien, das zeigte ein weiterer legendärer Selbstversuch: 1984 schluckte Barry Marshall, australischer Arzt, Helicobacter pylori. Er wollte beweisen, dass dieses Bakterium Gastritis (und Magengeschwüre und Krebs) auslöst. Er bekam Gastritis (und vertrieb sie mit Antibiotika), der Beweis war geführt.
Bei den Infektionserregern kam auch noch eine Überraschung. Krankheiten übertragen kann nur, was lebendig ist, das war nun das Dogma. Aber 1982 meldete sich ein Ketzer, ein Nachfahr Henles: US-Arzt Stanley Prusiner postulierte, dass auch Proteine – schlichte Proteine, ohne Leben, ohne DNA, „protein only“ – erkranken (sich falsch falten) und die Krankheit weitergeben können, er nannte diese Proteine „Prionen“. Er wurde verlacht, doch nicht lange: Anfang der 90er-Jahre kamen Prionenkrankheiten, Rinderwahn und Creutzfeld-Jakob. 1997 wurde es anerkannt, mit dem Nobelpreis.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2009)