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Zu teuer für den Arbeitsmarkt

Die Diskrepanz zwischen Lohnkosten und Löhnen hemmt das Wachstum.

So schnell ändern sich die Zeiten: War der für den morgigen Freitag angesetzte Arbeitsmarktgipfel von Regierung und Sozialpartnern ursprünglich dafür gedacht, nach Beschäftigungsmöglichkeiten für die demnächst halbe Million Arbeitslosen im Land zu suchen, wird jetzt wohl die chaotische Flüchtlings-/Einwanderungswelle die Gespräche dominieren.

Dabei sind die präsumtiven Neubürger in den ersten sechs, sieben Jahren zum überwiegenden Teil kein Problem des Arbeitsmarkts, sondern eines der Grund- und Mindestsicherung. Das Problem des Arbeitsmarkts ist vielmehr, dass schon lang vor der aktuellen Flüchtlingswelle das Arbeitskräfteangebot deutlich schneller als die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze gestiegen ist.

Man könnte es auch so formulieren: Die Wirtschaft wächst viel zu langsam, um das vor allem in Ostösterreich stark gestiegene Arbeitskräfteangebot aus Osteuropa zu kompensieren. Da herrscht besonders im Bereich der weniger Qualifizierten blanker Verdrängungswettbewerb. Die Strategie dagegen heißt Wachstumsbeschleunigung.

WKO-Chef Leitl und ÖGB-Boss Foglar haben also recht, wenn sie den Arbeitsmarktgipfel zu einem Wirtschaftsgipfel umfunktionieren wollen. Dieser muss aber mehr bringen als keynesianische Bauförderungsprogramme, die nach kurzer Wirkung schnell wieder verpuffen. Es muss sich einfach unternehmen wieder lohnen.

Vielleicht könnte sich der Gipfel da einmal die irre Diskrepanz zwischen Lohnkosten und Nettolöhnen anschauen und dabei gleich das verschleiernde Gerede von den Lohnhaupt- und Nebenkosten zu Grabe tragen: Wer einem Beschäftigten netto nur die Mindestsicherung (829 Euro) zukommen lassen will, muss dafür stolze 1300 Euro Lohnkosten tragen. Selbst bei Minieinkommen näht sich der Staat also 35 Prozent ein, bei 2600 Euro (dem Durchschnittsbruttoeinkommen) sind wir schon bei 50Prozent der Lohnkosten. Das ist die wahre Bremse für den Konsum auf der einen und die Wirtschaft auf der anderen Seite. Das einmal (etwa auf Lohnzetteln) transparent zu machen wäre der erste Schritt zur Schaffung des richtigen Problembewusstseins.

josef.urschitz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2015)