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Birgit Doll: Die Frau mit der starken Seele

ARCHIVBILD: SCHAUSPIELERIN UND REGISSEURIN BIRGIT DOLL 57-J�HRIG VERSTORBEN
ARCHIVBILD: SCHAUSPIELERIN UND REGISSEURIN BIRGIT DOLL(c) APA/GUENTER R. ARTINGER (GUENTER R. ARTINGER)
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Sie war für Horváth eine wunderbare Marianne. Theatergeschichte hat ihre Libussa geschrieben: Birgit Doll, Schauspielerin und Regisseurin, starb mit nur 57 Jahren.

Ich hab' mal Gott gefragt, was er mit mir vorhat. Er hat es mir aber nicht gesagt, sonst wäre ich nämlich nicht mehr da. Er hat mir überhaupt nichts gesagt. Er hat mich überraschen wollen. Pfui!“ Marianne in Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ hat alles verloren, was ihr teuer war. Der Mann, den sie liebte, stellte sich als Filou heraus. Der gemeinsame Sohn ist tot. Marianne ist am Ende. Gleich wird der verhasste Fleischhauer sie über die Schulter werfen, sie wie Vieh abtransportieren und sie daran erinnern, dass er ihr einmal gesagt hat: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen!“ In diesem Moment, kurz vor Ende des Stücks, erinnert sich Marianne an ihren Kinderglauben, selbst diesen hat das Leben geschändet.

Es gibt niemanden in den vielen Interpretationen dieses Stücks, der diese Sätze über Gott so beseelt, so zornig und resigniert ausgesprochen hat wie Birgit Doll. Sie spielte in Maximilian Schells Verfilmung des Stücks 1979 die Marianne, die ihren eigenen Weg gehen will und im Rotlichtmilieu endet, wie das auch heute noch des Öfteren der Fall ist. 2014 inszenierte Doll, die sich nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Regisseurin einen Namen gemacht hat, in der Badener Sommerarena „Geschichten aus dem Wiener Wald“ – mit Swintha Gersthofer, die noch energischer ihr persönliches Glück gegen alle Widerstände durchsetzen will als Dolls Marianne. Die wilden Mädchen sind mittlerweile „State of the Art“, weil man die Klassiker mit herzigen Julias und Gretchens nicht mehr zeitgemäß spielen kann. Eine der Ersten auf diesem Weg war Doll.

 

Nora, Hedda Gabler, Flüchtlingsfrau

1958 wurde Birgit Doll in Wien geboren, sie absolvierte das Reinhardt-Seminar, studierte aber auch Germanistik und Theaterwissenschaften. Sie brauchte keinen „Input“ vom Dramaturgen, wenn sie wichtige Figuren der Weltliteratur zeichnete. Sie war eine Intellektuelle, auch wenn sie auf der Bühne und im Film meist als Frau mit der starken Seele auftrat. Der Spagat zwischen diesen beiden Sphären machte ihr wohl auch zu schaffen.

1990 war Doll im Volkstheater als Grillparzers Libussa zu erleben. In dieser Rolle hat sie Theatergeschichte geschrieben, trotz der tollen Inszenierung, die Peter Stein sieben Jahre später mit Dörte Lyssewski in Salzburg zeigte. Hoch thronte Doll über dem Zuschauerraum und beklagte das Ende der natürlichen Ordnung, der Schonung der Natur, der Geheimnisse. Wiens Volkstheater wird selten in deutschen Medien gelobt, hier aber schrieb die „Süddeutsche Zeitung“: „Doll ist sensibel, lässt die mythische Urkraft spüren. Ihr Widerpart ist Harald Krassnitzer, der den Wandel vom simplen Bauern zum machtvollen Patriarchen vorführt.“ Doll spielte viele furiose Frauen, Ibsens Nora und seine Hedda Gabler, Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Als Widerspenstige war sie es, die als Petruchia den mürrischen Catherino Karl Markovics zähmte. Doll begeisterte auch als schillernd böse Bürgermeistersfrau Helene Hofrichter in „Waikiki-Beach“, „superfeministische Politkolportage“ („Die Zeit“) von Marlene Streeruwitz im VT. Doll hat mit wichtigen Regisseuren gearbeitet, darunter mit Ingmar Bergman, Hans Lietzau, Achim Benning oder Otto Schenk. In „Suzie Washington“ von Florian Flicker spielte sie 1998 einen Flüchtling, ein seherischer Film aus heutiger Sicht. Sie war in „Der siebente Kontinent“ von Michael Haneke zu sehen und zuletzt in Elisabeth Scharangs „Jack“.

Auf der Bühne wirkte Doll extrovertiert, sinnlich, entfesselt, persönlich erschien sie distanziert, ironisch. Vielleicht war auch das ein strapaziöser Zwiespalt. Mit nur 57 Jahren ist diese charismatische Schauspielerin und unbeugsame Frau, die sich nie mit der Schaustellerbranche, Eitelkeiten und Intrigen gemeinzumachen schien, gestorben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2015)