Krise: „Müssen mit weniger Wohlstand leben“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Die Experten sind sich uneins, wann es mit der Wirtschaft wieder aufwärtsgehen wird. Mit einem positiven BIP-Wachstum allein ist die Krise aber noch lange nicht vorbei. Die Nachwirkungen werden noch Jahre dauern.

Wien (rie). Nach der Krise wird nicht vor der Krise sein. Obwohl Wirtschaftsexperten einen ersten zarten Silberstreif am Horizont sehen und manche schon davon sprechen, das Schlimmste sei überstanden – so wie früher wird's nie mehr. Europa werde sich an ein „niedrigeres Wohlstandsniveau gewöhnen“ und die Menschen mit weniger verfügbarem Einkommen leben müssen, meinen Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Die düstere Aussage macht der IWF in seinem aktuellen Prognosebericht. Die Gründe für die möglicherweise sinkenden Lebensstandards sind nicht nur in der Rezession zu suchen, sondern auch in den derzeit hohen Staatsausgaben zur Belebung der Wirtschaft. „Irgendwann muss man die Budgets wieder konsolidieren und die Ausgaben zurückfahren“, erklärt Helmut Hofer vom Institut für höhere Studien (IHS) in Wien. Das, kombiniert mit einer höheren Arbeitslosigkeit, lasse die Vorhersage des IWF „durchaus möglich erscheinen“.

Der deutsche Soziologieprofessor Berthold Vogel vom Hamburger Institut für Sozialforschung meint, dass die Europäer für viele Jahre sparsamer werden leben müssen: „Um die staatlichen Leistungen wie etwa die Pensionen abzusichern, wird man jetzt auf einen bestimmten Wohlstand verzichten müssen. Nur so bleibt dem Staat das Geld und damit auch die Möglichkeit, künftige Gesellschaften zu gestalten.“

Amerikaner sparen

Wie lange die Durststrecke dauern wird, traut sich niemand zu sagen. Die Wirtschaftsforscher sind mit ihren Prognosen vorsichtig geworden: IHS, Wifo und Währungsfonds gehen ab 2010 von einem Wachstum in Österreich aus (zwischen 0,2 und 0,5 Prozent), die EU rechnet dagegen auch im kommenden Jahr mit einer Rezession (–0,1 Prozent). Erst Ende vergangener Woche schockte die Europäische Zentralbank mit der Vorhersage, erst 2011 werde es wieder aufwärtsgehen. Die Rezession werde auch 2010 anhalten, 2009 werde die Wirtschaft um bis zu 5,1 Prozent (Eurozone) schrumpfen. „Die Unsicherheit (bei den Prognosen, Anm.) ist sehr groß“, meint Hofer. „Wir haben nicht erwartet, dass das erste Quartal derart verheerend ausfällt“ – in Deutschland minus 6,7 Prozent.

Zuversichtlich gibt man sich in Washington. „Wir sind vom Abgrund zurückgetreten“, meinte US-Präsident Barack Obama, der wirtschaftlich „eine Ruhe“ feststellt, „die es so vorher nicht gab“. Die hatte freilich ihren Preis: Nach manchen Berechnungen gab die amerikanische Regierung mehr als zwei Billionen Dollar für die angeschlagenen Finanzinstitute, für Konjunkturprogramme und direkte Zahlungen an die Bürger aus.

Den Abschwung mag man damit abgefangen haben, der Aufschwung lässt aber noch auf sich warten. Die Arbeitslosigkeit bleibt mit 623.000 (5,1 Prozent) hoch und das Wachstum werde nur sehr langsam erfolgen, meinen amerikanische Wirtschaftsexperten. Das größte Problem dabei: Den Menschen fehlt das Vertrauen.

Ein „W“ statt ein „U“

Am deutlichsten sieht man das bei der Sparquote in den Vereinigten Staaten, die in den vergangenen zwei Jahren negativ war (die Amerikaner gaben mehr aus, als sie einnahmen). Im März lag die Sparquote in den USA bei ungewöhnlich hohen 4,2 Prozent. Für die US-Bürger ist das ein ganz neues Erlebnis: Man überlegt, bevor man sich etwas kauft.

Das ist ein weiterer Grund dafür, dass die Erholung nur langsam erfolgen wird. Erst wenn die Menschen wieder Geld ausgeben wie früher, wird auch die Wirtschaft wieder anziehen. Allerdings nicht der Arbeitsmarkt. Experten glauben, dass die Zahl der Arbeitslosen in Österreich in den kommenden drei Jahren hoch bleiben wird, bevor es zu einer Trendwende kommt. Zusätzlich werden mehr als 100.000 Menschen ihren Job verlieren.

Möglich ist auch, dass es nach einem kurzen Aufschwung schon wieder abwärtsgeht. Bisher sei er beim Verlauf der Rezession von einem „U“ ausgegangen, erklärte der angesehene US-Ökonom Nouriel Roubini. „Es könnte aber ein W werden.“ Dieser Buchstabe bringt einen doppelten Tiefpunkt.

AUF EINEN BLICK

Die Wirtschaft scheint sich vorerst auf niedrigem Niveau konsolidiert zu haben – von einem Aufschwung ist allerdings noch nicht viel zu sehen. Die heimischen Konjunkturexperten erwarten diesen bereits für das kommende Jahr, laut Europäischer Zentralbank (EZB) wird es allerdings erst 2011 wieder aufwärtsgehen.

Sparen statt konsumieren. Einig sind sich die Experten jedenfalls darin, dass künftig mehr gespart werden wird und die Nationalstaaten ihre Ausgaben zurückfahren müssen, um die hohen Schulden zu begleichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2009)


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