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Im Durchschnitt ist alles normal

(c) bilderbox (Erwin Wodicka - wodicka@aon.at)
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Datenanalyse. Eine immer größer werdende Menge an erhobenen Daten lässt den Bedarf an Statistikern wachsen. Im Vergleich gibt es relativ wenige Möglichkeiten, das Fachgebiet zu studieren.

Zwei für Österreich auf verschiedene Weise brisante Ergebnisse – die WHO-Einschätzungen zur krebsauslösenden Wirkung von verarbeitetem Fleisch und der Ausgang der Wiener Gemeinderatswahl – haben eine Gemeinsamkeit: umfangreiche Datenauswertungen im Vorfeld und die Diskussion über deren mögliche Fehlerhaftigkeit im Nachhinein. Anlässlich des Weltstatistiktages am 20. Oktober haben sich Österreichs hochrangige Statistiker Gedanken über die Wien-Wahl gemacht. Immerhin ist die Meinungsforschung eines der populärsten Anwendungsgebiete der Statistik. „Ich glaube nicht, dass für das Fehlschlagen der ersten hochgerechneten Umfrage statistische Gründe ausschlaggebend waren, eher Missgriffe bei den Modellannahmen“, sagt Werner Müller, Präsident der Österreichischen Statistischen Gesellschaft (ÖSG). Zum krebsauslösenden Fleisch- und Wurstkonsum hofft Dominik Hlauschek, Vorsitzender des Forums Junge Statistik der ÖSG, dass die Daten auf statistisch validen Methoden beruhen. „Da wurden hunderte von Studien zusammengefasst, und man kann hoffen, dass neben Ernährungsexperten auch etliche Statistiker dabei waren, die die Auswertungsmodelle abgeglichen haben.“ Hlauschek, der an der Universität Wien mitten in der Abschlussarbeit des Magisterstudiums Statistik steckt, würde sich nach dem Studium selbst gern auf den Ernährungsbereich konzentrieren.

Big Data bringt Berufschancen

Die Berufsaussichten sieht Hlauschek, der im Rahmen des Forums Studienabsolventen mit berufstätigen Statistikern aus verschiedenen Bereichen zusammenbringt, relativ gut. Das sei auch an den vielen Stellenausschreibungen für Datenanalysten sichtbar. „In diesem Bereich gibt es extrem viele Jobs. Da geht es darum, aus den Riesenbergen an Daten, die bereits verfügbar sind, interessante Ergebnisse herauszuholen und meist im Auftrag von Firmen Vorhersagen zu treffen.“ Big Data laute das dazugehörige Stichwort, das für viele Studierende im Studium bisher zu wenig vorkomme, sagt Hlauschek, der bis vor Kurzem an der Uni Wien auch als Studierendenvertreter tätig war.


In der klassischen Statistik hingegen stehe im Mittelpunkt, die Daten überhaupt erst zu bekommen und dafür die richtigen Methoden zu wählen. Dass es, um sich diese Expertise anzueignen, ein eigenes Studium gebe, wüssten viele Menschen gar nicht. Tatsächlich gibt es laut Müller im deutschen Sprachraum nur vier Standorte mit einem Vollstudium Statistik: in Dortmund, Linz, München und Wien. An anderen Standorten, etwa der TU Graz oder TU Wien, könne die Statistik oft nur eingeschränkt als Studienzweig der Mathematik absolviert werden. „Das hat mit der etwas anderen Tradition als etwa im angelsächsischen Raum zu tun, wo die Eigenständigkeit des Fachs seit vielen Jahrzehnten an den Universitäten verankert ist.“


Das Studium an der Johannes-Kepler-Universität Linz wurde bereits in den 1960er-Jahren etabliert und ist damit das älteste Statistikstudium im gesamten deutschsprachigen Raum. Laut dem Leiter, Andreas Futschik, handelt es sich um eine besonders anwendungsorientierte Ausbildung. Es bestünden genügend Möglichkeit zur Vermittlung von statistischen Methoden und Themen, die in anderen Studien nur am Rande besprochen würden, etwa Lebensdaueranalyse, Demografie oder Bayes-Statistik, die in definierter Weise unbekannte Parameter schätzt und Vorwissen einbezieht.
Die Tätigkeitsbereiche von Statistikern seien wesentlich vielfältiger als die in der Öffentlichkeit meistens assoziierte amtliche Statistik oder die Markt- und Meinungsforschung. Ähnlich sieht dies Werner Schachinger vom Institut für Statistik und Operations Research der Universität Wien. Am meisten Bedarf an Absolventen sieht er in Banken, Versicherungen und Hedgefonds, Pharmazie und Gesundheitswesen, aber auch in Telekom-, Energie-, Logistik- und Hightechunternehmen, in Behörden sowie auch Universitäten und Forschungseinrichtungen. Laut Müller haben sich „in jüngster Zeit auch Wettanbieter und der Onlinehandel als Arbeitgeber etabliert. Hier sind besonders die wachsenden Aufgaben im Gebiet Big Data hervorzuheben. Futschik erlebt immer wieder, dass Absolventen der Statistik aus Österreich bei Firmen wie Google oder Netflix arbeiten.

Anfangs reine Mathematik

Welche Eigenschaften sollten Statistiker mitbringen? Für Schachinger machen „Interesse an Daten und Fakten, an Mathematik und Informatik, Neugierde, Offenheit für Kooperationen, Teamfähigkeit und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte anschaulich darzustellen gute Statistikstudierende aus. Gerade die Mathematikanforderungen, etwa Matrizen-, Integral- und Differenzialrechnen, lösen laut Hlauschek bei Studienanfängern oft Frustrationen aus. „Man freut sich, wenn man ab dem dritten Semester dann endlich zu den ersten Anwendungen kommt.“