Handys: Wir klicken alle 18 Minuten

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Digitales Burn-out. 53 Mal am Tag entsperrt der durchschnittliche Smartphone-Nutzer sein Handy. Das kann fatale Folgen haben, warnt Informatiker Alexander Markowetz.

Der Bus kommt erst in fünf Minuten? Kein Problem! Mit einer Runde Quizduell, einem Katzenvideo und einem Blick ins E-Mail-Postfach vergeht die Zeit wie im Flug. Das Smartphone ist schnell bei der Hand, die Internetverbindung meistens gut, die Tarife günstig. Und wer sein Verhalten genau beobachtet, den wundert es auch nicht mehr besonders, dass wir im Schnitt 88 Mal am Tag unser Handy aktivieren. Manchmal schauen wir nur auf die Uhr oder überprüfen, ob eine neue Nachricht angekommen ist. In 53 Fällen entsperren wir den Bildschirm aber. Damit gibt es – wenn wir von 16 wachen Stunden ausgehen – alle 18 Minuten eine Unterbrechung.

Diese Zahlen sind das Ergebnis einer groß angelegten Studie von Alexander Markowetz, der als Juniorprofessor an der Universität Bonn arbeitet. Markowetz hat gemeinsam mit Kollegen die App Menthal programmiert, die den Smartphone-Konsum aufzeichnet und bereits mehr als 300.000 Mal heruntergeladen wurde.


Wir telefonieren kaum noch. Den ausgewerteten Daten zufolge hängen wir alle täglich zweieinhalb Stunden (bei Jugendlichen sind es eher drei) am Smartphone, oft um über WhatsApp zu kommunizieren, uns durch die Facebook-Chronologie zu scrollen oder YouTube-Videos anzuschauen. Nur telefonieren tun wir kaum noch: Hier liegt der Schnitt bei sieben Minuten am Tag. Auch die Zeit, die wir mit „nützlichen“ Anwendungen wie Online-Banking oder Fahrplanauskunft verbringen, hält sich in Grenzen. Sie liegt laut Markowetz weit unter zehn Prozent. Handys, schreibt der Informatiker in seinem Buch „Digitaler Burnout“, seien vielmehr zu „Spielautomaten in der Hosentasche“ geworden.

Markowetz, der auf Einladung der Boston Consulting Group diese Woche in Wien war, betont, dass es ihm nicht darum gehe, zu beurteilen, ob Handykonsum nützlich oder sinnlos ist: „Ich kann natürlich auch zweieinhalb Stunden nicht zum Bruttosozialprodukt beitragen, indem ich einen Spaziergang mache oder in die Bibliothek gehe“, so Markowetz.

Was sich geändert habe, sei allerdings die Frequenz, in der wir am Handy mit verschiedenen Dingen jonglieren: „Das ist selbstauferlegtes, ständiges Multitasking.“ Dabei gehe die Produktivität verloren: „Ein Gruppenchat, und Sie können die Produktivität vergessen.“ Denn durch die ständigen kleinen Unterbrechungen nehmen wir uns laut Markowetz die Möglichkeit eines Flow-Erlebnisses. Dabei handelt es sich um einen Zustand, in dem wir weder über- noch unterfordert sind und hoch konzentriert arbeiten. Für eine Wissensgesellschaft, in der wir heute leben und arbeiten, sei das unerlässlich. Unser Smartphone-Konsum stelle daher Firmen und Private vor riesige Herausforderungen: Sie müssen digitale Diäten entwickeln – und eine neue Kommunikationsetikette. Dabei stehen wir aber erst am Anfang. Jetzt gehe es um das Ausprobieren, so Markowetz. Seine Tipps reichen vom Handyverbot im Schlafzimmer bis zur Anschaffung einer Uhr. Totale Abstinenz kommt nicht in Frage.

Dass die Generation, die mit Smartphones aufgewachsen ist, besser mit den Herausforderungen zurechtkommen wird, glaubt Markowetz angesichts des schnellen Wandels nicht: „Wenn ein Zehnjähriger einmal 70 ist, dann hat er zwölf weitere Innovationszyklen vor sich. Mit 70 wird er wesentlich mehr Orientierungsprobleme haben als meine Mutter heute.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2015)