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Die Flucht von Assads Folterknechten in die EU

SYRIA DOUMA UNREST
(c) APA/EPA/MOHAMMED BADRA (MOHAMMED BADRA)
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Hunderte Schergen des syrischen Regimes sollen als Flüchtlinge in die EU gekommen sein. Hier treffen sie auf ihre Opfer.

Er sieht gar nicht wie ein Mann aus, der Hunderte von Menschen grundlos verhaftet, geschlagen und gefoltert haben soll. Mit seinem gepflegten, kurz getrimmten Vollbart, in Jeans und einem dunklen Pullover ist er eine ganz normale Erscheinung. Nur seine teuren, braunen Lederschuhe passen nicht so recht ins Bild eines syrischen Flüchtlings, der wochenlang über Flur und Felder unterwegs war, um dem Bürgerkrieg zu entrinnen. Hussein W. hat es aus Syrien über die Balkanroute bis München und dann nach Amsterdam geschafft. Nun lebt er im fünften Stock des Flüchtlingsheims Vlierbosdreef in der Nähe des Arena-Stadions – zusammen mit 70 anderen auf einer Etage, alle Bett an Bett gereiht. Hier fallen keine Schüsse und Bomben mehr, aber Ruhe findet der 32-Jährige nicht.

„Shabiha, Shabiha“, rufen Landsleute, als er vor dem Tor des ehemaligen Bürohauses steht, das zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde. „Wir wissen, wer du bist, du kannst dich nicht verstecken!“ „Shabiha“ – Geister – werden die Schergen des syrischen Regimes genannt. Sie hält man für Massenverhaftungen, Folter und Mord verantwortlich. Hunderte dieser Shabiha sollen, wie Hussein, mit den Flüchtlingsströmen nach Europa gelangt sein. Als „unschuldige Opfer“ getarnt würden sie Asyl beantragen, um ihre blutige Vergangenheit abzuschütteln.

Aber die Leidtragenden ihrer schrecklichen Taten haben dies längst bemerkt. Im Internet kursieren Listen, in denen Shabiha und ihre Vergehen dokumentiert und ihre Aufenthaltsorte offenbart werden. „Die Informationen sind kein Geheimnis“, sagt Ben Davis, ein britischer Filmemacher, der sich für syrische Flüchtlinge engagiert und eine dieser Webseiten gestartet hat. „Die Shabiha posieren in Uniformen, mit Waffen, manchmal sogar vor Leichen, und stellen die Fotos ins Netz. Sie berichten auch über ihren Trip nach Europa und wo ihr Flüchtlingsheim ist.“
Bei Hussein war das nicht anders. Von ihm kursieren Fotos in Uniform und mit Walkie-Talkie im Internet. Er postete auch von seiner Reise in die Türkei und weiter nach Griechenland. William war völlig schockiert, als er dies entdeckte. Er stammt, wie Hussein, aus der Kleinstadt Salamiyah in Zentralsyrien und ist seit Mai als Flüchtling in Deutschland. „Ich konnte es nicht glauben, es war einfach entsetzlich“, sagt William.

Denn Hussein war der Grund, weshalb der 24-jährige Student seine Heimat verließ. „Nackt musste ich auf dem Boden liegen“, erinnert er sich. „Ich wurde mit Wasser überschüttet, und dann kam der Elektroschocker.“ Seine Folterer traten ihn mit Füßen, schlugen mit Stöcken und urinierten auf ihn. Das geschah vor einem Jahr im Hauptquartier der Nationalen Verteidigungskräfte (NDF), einer paramilitärischen Einheit, der Hussein bei ihrer Gründung 2012 beigetreten sein soll.

Während der Folterungen trug William immer eine Augenbinde. Aber er erkannte einen der Männer an seiner Stimme. „Es war Hussein“, versichert William immer wieder. Denn sie waren einmal Freunde gewesen. Hussein hatte bei William in Damaskus einige Male übernachtet, als dieser dort studierte. Und als William nach drei Tagen Folter entlassen wurde, bat ihn Hussein noch einmal in sein Büro. „Als ich seine Stimme hörte, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken“, erzählt William. „Er war bei den Folterungen dabei gewesen.“ William ist nun in Deutschland in Sicherheit. Aber diese drei Tage im Zentrum der NDF kann er nicht vergessen. Noch immer plagen ihn Albträume.

Zehn Tage lang Qualen. „Die Elektroschocker kamen aus China und können einen für mehrere Minuten völlig paralysieren“, sagt Salim, der im November 2012 von Hussein verhaftet worden war. „Die Muskeln versagen einfach ihren Dienst.“ Auch er musste sich nackt ausziehen, auf den Boden legen und wurde dann mit Wasser überschüttet. „Da ist die Wirkung der Stromschläge besser.“ Hussein habe damals mit 20Leuten sein Haus gestürmt. „Die Eingangstüre ging zu Bruch, und man hat sofort auf uns eingeprügelt.“

Salim wurde zehn Tage lang gefoltert, sein Bruder einen Monat lang. Beide kamen schließlich auf „sozialen Druck“ alteingesessener und einflussreicher Leute von Salamihya frei. Während der Folter seien ihm und seinem Bruder ebenfalls die Augen verbunden gewesen, aber sie hätten auf dem Boden liegend unter der Binde heraus einen Mann erkannt, und das sei Hussein gewesen. Der 42-jährige Salim ist nach Schweden geflüchtet. Er wünscht sich Rache für das erlittene Unrecht. „Aber nicht den Tod“, betont er. „Nein, Hussein soll von einem ordentlichen Gericht für seine Taten bestraft werden.“

Geschäfte mit Häftlingen. So sieht es auch der 24-jährige Adil, der im Oktober 2014 verhaftet worden war. Er wurde ausgepeitscht und bekam Elektroschocks. Nach elf Tagen kaufte ihn seine Familie für rund 1000 Euro plus Zigaretten und Lebensmittel frei. Die NDF und Hussein sollen regelrecht Geschäfte mit den Häftlingen gemacht haben. „Ohne mich wärst du in einem Gefängnis in Damaskus oder Hama gestorben“, soll Hussein bei der Entlassung zu Adil gesagt haben. Diesem lief es ebenfalls kalt über den Rücken, als er die Stimme aus der Folterkammer wiedererkannte. Adil ist in Deutschland. Der Gedanke, dass sein Peiniger in Holland in Freiheit ist, bringt ihn fast um den Verstand.

Und was sagt Hussein W. dazu? Er ist sich keiner Schuld bewusst und weist alle Vorwürfe brüsk zurück. „Die mich beschuldigen, das sind alle islamistische Extremisten“, sagt er selbstsicher vor dem Flüchtlingsheim in Amsterdam. Nichts davon sei wahr. „Das sind alles Lügner.“ Über die Fotos, die ihn in Uniform und auch im Kreise von Soldatenkameraden zeigen, behauptet er nur: „Da war ich auf Hasenjagd. Das ist eine normale Sache in unserer Region.“ Nach Europa sei er geflüchtet, weil er vom Islamischen Staat und von der al-Nusra-Front bedroht werde. Der 32-Jährige will in den Niederlanden Asyl beantragen und sich ein neues Leben aufbauen. Später sollen seine Frau und die Kinder nachkommen. Ob dieser Plan so aufgeht, muss sich erst noch zeigen. Holland hat bereits fünf Asylsuchende abgelehnt, weil Verdacht auf Kriegsverbrechen bestand.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2015)