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Der Migrant sorgt für Wachstum

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(c) AFP (Rene Gomolj)
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Eine Studie der Credit Suisse sieht im Flüchtlingsstrom trotz der sozialen und politischen Spannungen langfristig einen positiven Effekt auf Wachstum und Wohlstand in Europa.

Just in einer Phase, in der sich die Freude über die vielen jungen, männlichen, billigen Arbeitskräfte aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan relativ verflüchtigt hat und längst auch Wirtschaftstreibende vor dem unkontrollierten Zuzug bange wird, präsentiert das European Economics Research der Credit Suisse eine Studie. In dieser Studie heißt es wörtlich: „Während die größte Migrationsbewegung von Ayslsuchenden seit dem Zweiten Weltkrieg [. . .] nach Europa strömt, zeigt sich am Rand der emotional aufgeladenen Gewitterwolke, die derzeit über Europas Flüchtlingskrise schwebt, ein Silberstreif.“ Mit dem Silberstreif meinen die Studienautoren keine Zäune, sondern vielmehr Wirtschaftswachstum.

Denn die Ökonomen von Credit Suisse gehen davon aus, dass durch den Zustrom von Flüchtlingen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Europa um 0,2 bis 0,3 Prozent wachsen wird. Natürlich werde dieses Wachstum durch einen Anstieg der öffentlichen Ausgaben generiert. „Das Wirtschaftswachstum dürfte in den kommenden Jahren weiterhin profitieren, wenn junge Migranten beginnen, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, sagen die Studienautoren.

Die Betonung liegt vor allem auf „wenn“. Wenn ein Sozialsystem weniger auf die Integration in den Arbeitsmarkt, sondern vielmehr auf Verteilen von Almosen in Form der Mindestsicherung ausgerichtet ist, dann wird es mit dem „Wenn“ schwierig. Laut der Studie wird die Bevölkerung Europas durch die Migration in den kommenden fünf Jahren um fünf Millionen auf 340 Millionen Menschen wachsen. Langfristig soll sich der Zuzug vorteilhaft auf „die besorgniserregende Demografie und Rentendynamik“ in der Eurozone auswirken.

Tatsächlich ist die Überalterung in vielen Ländern Europas ziemlich beängstigend. Auf 100 erwerbsfähige Italiener (15- bis 64-Jährige) kommen mittlerweile 33 über 65-Jährige. Im Jahr 1990 waren es noch 21. Der demografische Wandel sorgt auch in Deutschland, Frankreich und Spanien für eine dramatische Belastung der Pensionssysteme. Österreich steht in diesem Punkt noch – verhältnismäßig – gut da. Warum? Da Österreich Anfang der 1990er-Jahre relativ viele Flüchtlinge aus dem Jugoslawien-Krieg aufgenommen hat. Diese zahlen mittlerweile kräftig in das Sozialsystem ein.


Kein Grund zu Jubeln. Genauso sorgt auch die aktuelle Flüchtlingssituation zwar kurzfristig für enorme Probleme, langfristig allerdings für mehr Wohlstand in Europa, meinen die Wirtschaftsforscher von Credit Suisse. Wörtlich heißt es in der Studie: „Starke Zuwanderung setzt Länder unter Druck, die sich sorgen, dass die Sozialsysteme überlastet werden, in denen die Arbeitslosigkeit stark angestiegen ist und fremdenfeindliche Parteien an Zuwachs gewinnen.“ Allerdings: „Wir glauben, dass die Auswirkungen einer starken Zuwanderung auf die öffentlichen Finanzen, Renten, die Demografie und das potenzielle Wachstum in der Eurozone positiv sein dürften.“

Wenn Deutschland mittlerweile die niedrigste Arbeitslosenrate in der EU aufweist, dann ist dies nur zum Teil auf die strengen Hartz-IV-Bestimmungen und den gut laufenden Exportmotor zurückzuführen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat schon 2013 gemeint, dass die sinkende Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland „kein Grund zum Jubeln“ sei. Denn diese sei fast ausschließlich darauf zurückzuführen, dass es weniger Kinder gibt. In Teilen Ostdeutschlands liegt die Arbeitslosigkeit bei den 15- bis 24-Jährigen nach wie vor bei bis zu 15 Prozent. Dort hilft es dann auch nicht, wenn noch mehr junge, schlecht qualifizierte junge Migranten zuziehen.

Dennoch merkt das Team des European Economics Research an: „Alle Versorgungskosten für den grundlegenden Bedarf der Migranten dürften ihren Weg zurück in die Wirtschaft finden.“ Ende 2014 gab es in der EU 3,8 Millionen registrierte Flüchtlinge. Mittlerweile ist die Zahl auf 4,1 Millionen gestiegen. Wie gesagt: Die Rede ist von „registrierten“ Flüchtlingen. Die größte Zahl an Asylanträgen verzeichneten in den vergangenen Monaten Deutschland, Ungarn und Österreich. Allein Deutschland erwartet heuer 800.000 Flüchtlinge. Auch dank hervorragender logistischer Unterstützung aus Österreich. Der Unmut aus Bayern steigt von Tag zu Tag. Österreich, so poltern bayrische CSU-Politiker dieser Tage, entpuppe sich als eine der größten Schlepperorganisationen.


Ein Silberstreif am Horizont. Tatsächlich entfiel auf Deutschland – nicht zuletzt aufgrund der großzügigen Einladungspolitik von Kanzlerin Angela Merkel – zwischen Jänner und Juli die Hälfte aller Asylanträge in Europa. Auf Ungarn übrigens fast 20 Prozent, auf Österreich etwa fünf Prozent. Gemessen an der Bevölkerung trägt Österreich eine große Last. Hierzulande gab es etwa genauso viele Asylanträge wie in Frankreich oder Italien. Und fünfmal so viele wie in Spanien.

Am Ende bleibt der Silberstreif der Credit-Suisse-Studie. Diese kommt zum Ergebnis, dass durch die Migration die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wachsen wird. Migranten werden wie schon in der Vergangenheit „mehr Steuern und Sozialleistungen zahlen, als sie erhalten“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2015)