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Wie Legenden über Flüchtlinge entstehen

Symbolbild: ÖBB
Symbolbild: ÖBBAPA/HELMUT FOHRINGER
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Fakt oder Gerücht? Manipulieren Medien die öffentliche Meinung? Steht nur noch auf Weblogs die Wahrheit? „Die Presse“ ging Berichten nach, die aufregen.

Wien. Welche Geschichten über die Flüchtlingskrise kann man als Bürger eigentlich noch glauben? Da alternative Medien, Weblogs und Social-Media-Kanäle hauptsächlich über die Schattenseiten der Migrationsbewegung berichten, entstehen zusehends Theorien darüber, dass etablierte Medien und Behörden gezielt nicht oder falsch informieren. Manchmal begründet, manchmal nicht. „Die Presse“ ging drei Geschichten nach – und fand heraus, dass dabei jeweils Realität und Fiktion ineinanderflossen.

Der Major an der Grenze: Seit vergangener Woche feiern alternative Medien wie unzensuriert.at den Bericht eines „Bundesheermajors“, der seine Eindrücke vom Grenzübergang Spielfeld schildert. Immerhin sage er das, was man in den „Lügenmedien“ nicht erfahre. Der Soldat wolle, so das Medium, verständlicherweise anonym bleiben, spreche er doch wörtlich „von Krieg“, von „militärisch ausgebildeten und kampferprobten“ Männern, die da als Flüchtlinge getarnt die „Okkupation fremden Territoriums“ betreiben. Durch den Bericht entsteht der Eindruck, da berichte ein aktiver Soldat im Grenzeinsatz.

Tatsächlich ist Rudolf Moser ein dezidiert islamkritischer Publizist im Seniorenalter. Er betreibt unter einem Pseudonym einen nationalkonservativen Weblog im Internet und schickte seinen „Augenzeugenbericht“ auch der „Presse“. Auf der Website des Publizisten Andreas Unterberger kann man den von unzensuriert.at anonymisierten und damit geheimnisvoll gemachten Text für 0,39 Euro kaufen. Moser schreibt dort jedoch unter seinem Klarnamen. Zuletzt veröffentlichte er in „Zur Zeit“ und schrieb ein einschlägiges Buch („Die verrottete Gesellschaft“). Aktiver Soldat – er war Miliz-, kein Berufsoffizier – ist er längst nicht mehr. In den 1990er-Jahren machte er seine letzte Übung. Er ist wie mehr als eine Million anderer Österreicher Mitglied der Reserve.

Zerstörte ÖBB-Züge: Tatsächlich gab es in Sonderzügen, die die ÖBB zum Flüchtlingstransport einsetzten, Sachbeschädigungen und Verunreinigungen. „Die Presse“ berichtete. Auf Facebook kursiert ein „Beweisvideo“, das laut Beschreibung die Reinigung eines ÖBB-Waggons durch Soldaten des Bundesheers zeigt. Das Video wurde bisher zehntausende Male aufgerufen. Obwohl er authentisch zu sein scheint, stellt der Clip falsche Zusammenhänge her. Der Waggon ist keiner der ÖBB. Die Garnitur gehört der slowenischen Staatsbahn.

Erheblich kleiner als die österreichische Bahn haben die SŽ derzeit nur etwa fünf Waggons für Flüchtlingssonderzüge zur Verfügung. Entsprechend intensiv werden diese genutzt. Bundesheersoldaten kommen mit diesen Zügen nur im Kärntner Rosenbach in Berührung, wo die slowenischen Züge auf der hiesigen Seite des Karawanken-Bahntunnels enden. Soldaten sind dort auch nicht als Reinigungskräfte aktiv, sondern prüfen, ob sich vor der Rückfahrt jemand im Zug befindet.

Verwüstete Polizeischule: Als im Sommer die Erstaufnahmestelle Traiskirchen aus allen Nähten platzte, wurden Frauen und Kinder bis Anfang Oktober auch in der angrenzenden Sicherheitsakademie (Siak) der Polizei einquartiert.

Kurz nach Auszug der Menschen Anfang Oktober tauchten innerhalb der Polizei die ersten Gerüchte über großflächige Sachbeschädigungen auf. Die Rede war von zerstörten Toiletten, verbogenen Armaturen und mutwillig verstopften Abflüssen. Schaden: 250.000 Euro. Recherchen bestätigten das nicht. Die schlimmste „Sachbeschädigung“ war eine Zeichnung an der Wand, die offensichtlich von einem Kind stammt. Richtig ist aber, dass im Zuge einer planmäßigen Sanierung des Gebäudes die Matratzen, auf denen die Flüchtlinge geschlafen haben, aus hygienischen Gründen erneuert werden.

Zäune: Nötiges Mittel zur Grenzsicherung oder Zeichen gescheiterter Politik? Diskutieren Sie mit im Themenforum!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2015)