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Integration: Fördern wir doch Leistung statt Anspruchsdenken!

Bisher fand Integrationspolitik in Österreich nicht statt. Nun aber sollten wir alte Fehler vermeiden und gleichzeitig unsere Defizitkultur überdenken.

Als Mitte der 1960er-Jahre die ersten Gastarbeiter aus der Türkei ankamen, wurden sie mit einer Musikkapelle und Blumen begrüßt. Das erinnert an die Refugee-Welcome-Bewegung. Doch die anfangs positive Stimmung kippte auch damals bald. Als immer mehr kamen, fühlte sich die einheimische Bevölkerung bedroht. Man fürchtete um den Arbeitsplatz, verstand Sprache und Gebräuche nicht. Die, die nach den Vorstellungen der Industrie bald wieder nach Hause zurückkehren sollten, blieben und holten ihre Familien nach.

Wie sie sich hier zurecht finden sollten, kümmerte niemanden. Es gab keine Sprachkurse, keine Integrationspolitik, sie sollten nur arbeiten. Ihre Kinder, die in der Schule aufgrund der Sprachprobleme nicht mitkamen, wurden in Sonderschulen abgeschoben. Die Lehrer waren schlicht überfordert, Unterstützung gab es keine. Auch heute hat jedes dritte Kind in den Sonderschulen nicht Deutsch als Muttersprache.

Es gibt viele Erwachsene, die seit Jahrzehnten hier leben und immer noch kaum Deutsch sprechen. Es fehlt noch immer ein flächendeckendes System an Kursen. Dabei weiß man, wie es gehen könnte, wie etwa das Projekt „Mama lernt Deutsch“ zeigt. Es setzt bei den Müttern an, denn wenn die Frauen nicht Deutsch lernen (dürfen), können sie sich nicht frei bewegen und auch ihre Kinder auf ihrem Bildungsweg nicht unterstützen.

Integration hat nämlich weniger mit dem Herkunftsland zu tun, sondern ob die Eltern den Wert von Bildung erkennen und ihren Kindern vermitteln. Genau die Wertschätzung von Bildung muss aber mehr eingefordert werden. Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass ein Drittel der Kinder von Migranten keinen Schulabschluss haben; entsprechend überproportional hoch ist ihr Anteil an den Arbeitslosen, nämlich 40 Prozent.

Auf dieser Basis bringt Zuwanderung keinen wirtschaftlichen Impuls, sondern einen Kollaps des Sozialsystems. Wir müssen uns aber an der eigenen Nase nehmen: dass Integration bisher über weite Strecken gescheitert ist, liegt nämlich auch an der Einstellung, die wir selbst vermitteln und leben. Das zeigt sich etwa an der Schule.

Unser Bildungssystem ist vor allem auf eine Defizitkultur ausgerichtet, auf die Schwächen der Schüler, statt auf ihre Stärken. So werden Lernschwache durch vielfältige Programme gefördert, ja oft überfordert. Das ist bis zu einem gewissen Grad gerechtfertigt, wenn man dabei nicht auf die Leistungsstarken vergessen würde. Es gibt auch Begabte und Lernwillige, diese sollten ebenso gefördert werden. Außerdem geben sie den Schwächeren ein Beispiel und fördern so den Leistungswillen der Klasse.

Die Schule spiegelt die Einstellung unserer gesamten Gesellschaft wider. Unter dem Schlagwort „soziale Gerechtigkeit“ werden mangelnder Einsatz und fehlende Leistungsbereitschaft gefördert und belohnt. Unser gesamtes Sozialsystem ist in eine Schieflage geraten. Wenn man in einem aktiven Job genauso viel bzw. wenig verdient wie man in Summe mit Sozialleistungen, Gebührenbefreiungen und Förderungen vom Steuergeld Anderer erhält – warum sollte man sich dann anstrengen?

Vor allem in Städten ist der „Genierer“ gering, das Sozialsystem auszunützen. Im Gegenteil, es gibt etliche Anlaufstellen, die auch Migranten gleich beibringen, auf welche Leistungen des Staates sie Anspruch haben, statt diese zur Eigenleistung zu ermuntern.

Der Staat macht es denjenigen, die etwas leisten und nicht am Tropf des Sozialstaates hängen wollen, schwer. Man nehme die Bürokratie, die leistungsfeindlich hohen Steuern, die rigide Gewerbeordnung, undurchschaubare Vorschriften und Gesetze etc. Die Menschen, die gerade aus Syrien zu uns kommen, kennen keinen Wohlfahrtsstaat, sie konnten sich bisher nur auf ihre eigene Leistung und den Rückhalt der Familie verlassen. Unsere „sozial Gerechten“ werden ihnen das sicher bald abgewöhnen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

www.walterskirchen.cc

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2015)