Vor 70.000 Jahren erreichte die Intelligenz einen ersten Höhepunkt – und kochte Leim zusammen. Vor 200.000 Jahren nutzten Neandertaler in Italien Birkenpech, vor 70.000 Jahren nahmen auch Neandertaler in Syrien Bitumen.
Wann kam der Geist – im Sinn des abstrakten Denkens – auf die Menschen, und wo und warum? Bisher suchte man die Antworten in Symbolsystemen: Sprache und Kunst. Aber Sprache hinterlässt keine Fossilien, man weiß nicht, wann sie kam; und um den Symbolgehalt der ersten Kunst – etwa: 70.000 Jahre alter gravierter Ocker in Südafrika – wird gestritten. Deshalb suchen manche Anthropologen einen neuen Zugang zum Ursprung unseres Denkens in technischen Artefakten. Lyn Wadley (Witwatersrand, Johannesburg) hat sich besondere vorgenommen – steinerne Speerspitzen bzw. die Klebstoffe, mit denen sie am Schaft befestigt waren.
Die Klebekräfte der Natur haben Menschen früh bemerkt: Vor 200.000 Jahren nutzten Neandertaler in Italien Birkenpech, vor 70.000 Jahren nahmen auch Neandertaler in Syrien Bitumen. Und auch vor 70.000 Jahren gingen sie – in diesem Fall Homo sapiens – es andernorts raffinierter an, in Südafrika bereiteten sie Klebstoffe aus mehreren Komponenten zu. Spuren davon finden sich an steinernen Speerspitzen in der Sibudu-Höhle, Wadley hat sie analysiert: Es gibt zwei Arten, das Grundmaterial ist jeweils das Gummiharz der Schrecklichen Akazie, in einem Fall wurde es vermischt mit Ocker (Hämatit, Fe2O3), im anderen mit tierischem Fett, manchmal auch mit Bienenwachs.
Dann kochte Wadley das Ganze nach. Sie fand optimale Rezepturen, die sind nicht leicht, man braucht das richtige Hämatit (mit dem passenden Eisengehalt), man muss es im richtigen Verhältnis mit Harz mischen (also dessen Viskosität berücksichtigen), dann muss die Mixtur gekocht werden, nicht zu nahe am Feuer, sonst wird sie brüchig, nicht zu weit weg, sonst klebt sie nicht. Und bei jedem Schritt muss das ganze Werk im Auge behalten werden.
Wenn es gelang, hatte man beim Hämatitkleber eine extrem feste Verbindung zwischen steinerner Spitze und hölzernem Schaft, die brauchte es auch, gejagt wurden heute ausgestorbene Büffel mit einer Hornspannweite von drei Metern; in der Fettvariante war die Verbindung nicht so stark, vermutlich gab es eine Jagdtechnik, bei der die Speerspitzen in die Beute gerammt wurden und blieben, bis das Tier verblutet war. Wie auch immer: „Sie waren kompetente Chemiker, Alchemisten und Pyrotechnologen“, schließt Wadley, „sie hatten komplexe kognitive Fähigkeiten“ (Pnas, 11.5.).
Woher kam die Intelligenz?
Aber wo hatten sie sie her? Anatomisch war der Mensch vor 150.000 bis 200.000 Jahren „modern“, so wie wir, auch das Gehirn hatte unsere Größe. Aber die höheren Fähigkeiten waren noch nicht drinnen, und was sie hineinbrachte, ist unklar. Manche setzten auf Gene, aber man hat noch keines für die Intelligenz gefunden. Und gegen die Gene spricht etwas: Nach dem Höhenflug vor 70.000 Jahren in Südafrika – von dort stammt auch die frühe Kunst – kam ein Rückschritt und ein langer Stillstand, erst vor 45.000 Jahren blühte alles wieder auf, im Nahen Osten und, später, in Europa.
Deshalb wendet sich Adam Powell (London) von den Genen ab – und der Demografie zu: Demnach waren Populationsgröße und Austausch zwischen Gruppen vor 70.000 Jahren optimal, dann kam ein Einbruch der Zahl, und die früheren Fortschritte wurden vergessen, man kennt solche Effekte von Inseln. Erst vor 45.000 Jahren waren wieder genug da (Science, 324, S.1293).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2009)