Religiöse Kinder handeln weniger großzügig

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Symbolbild(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Fördert Religion die Moral? Eher im Gegenteil: Dafür spricht eine Arbeit von US-Psychologen.

„Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt“, sagte Dostojewski. Die Angst davor, dass ein Rückgang des Glaubens ein moralisches Ödland hinterlassen könnte, grassiert bis heute; vielleicht steckt sie auch hinter der Idee, dass Schüler, die keinen Religionsunterricht genießen, ersatzweise Ethik lernen sollen.

Verhalten religiös erzogene Kinder sich wirklich moralischer? Zumindest nicht großzügiger, das sagt eine Studie von Psychologen um Jean Decety (Chicago). Es nahmen 1100 Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren aus den USA, Kanada, der Türkei, Jordanien, Südafrika und China teil, aus christlichen, muslimischen und nicht religiösen Haushalten.Bei einem Spiel mussten sich die Kinder entscheiden: Wie viele Sticker teile ich mit einem anonymen Kind aus meiner Schule? Wie erwartet, stieg die Großzügigkeit mit dem Alter. Genauso signifikant war eine andere Korrelation: Religiös erzogene Kinder erwiesen sich als weniger großzügig als Kinder aus nicht gläubigem Haus, die Unterschiede zwischen Christen und Muslimen waren hier nicht signifikant.

Muslime strafen eher

Ein Unterschied zeigte sich bei einer weiteren Aufgabe, in der den Kindern Bilder gezeigt wurden, auf denen eine Person eine andere leicht körperlich attackiert: Muslimische Kinder sprachen sich im Durchschnitt für stärkere Bestrafung dieser Person aus als christliche und nicht religiöse Kinder. Ganz gegensätzlich zum Verhalten der Kinder war die Einschätzung der Eltern: Religiöse Eltern attestieren ihren Kindern mehr Empathie und Gerechtigkeitsgefühl als nicht religiöse.

Diese Ergebnisse passen gut zu früheren Untersuchungen an Erwachsenen. Die Forscher erklären sie mit dem Konzept des „moral licensing“: Danach kümmert sich ein Mensch, der glaubt, aus einem anderen Grund gut zu sein (diesfalls durch seinen Glauben), weniger um die Folgen unmoralischen Verhaltens. Jedenfalls spreche ihre Arbeit (Current Biology, 25, S. 1) für die Idee, „dass die Säkularisierung des moralischen Diskurses die Menschenliebe (human kindness) nicht schmälern werde – in Wahrheit wird sie genau das Gegenteil bewirken“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2015)

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