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Wenn Pavillons verschwinden und Denkmäler erscheinen

(c) Kristina Norman
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Große Effekte, großer Mut in Venedig: Roman Ondak zaubert den Pavillon der ehemaligen CSSR weg. Estland zeigt eine politisch brisante Arbeit und straft die eigene Künstlerin dafür mit Ignoranz.

„So sicher werden Sie hier nie wieder sein“, meint der Betreuer im iranischen Pavillon ironisch. Er hatte wohl die Skepsis in der Frage registriert, was denn das mächtige Polizeiaufgebot vor dem Eingang bedeuten könnte. Nur der Begleitschutz des Kulturministers, den man knapp verpasst habe... Erstmals sind bei der Biennale Venedig Israel und der Iran gemeinsam vertreten. Beide Länder stechen mit ihren konservativen Beiträgen allerdings nicht aus dem Angebot der 77 nationalen Pavillons und dutzenden Ausstellungen rundherum hervor.

 

Roman Ondak wollte genau das, in Reaktion auf die oft als obsolet angesehene Länderkonkurrenz – Verschwinden. Er kopierte einfach das wildromantische Giardini-Gelände aus Kieswegen und mediterraner Vegetation ins Innere des Pavillons der ehemaligen Tschechoslowakei (Kommissärin ist die Österreicherin Kathrin Rhomberg): Man geht durch, fast ohne zu merken, eigentlich unter einem Dach zu sein. Toller Effekt, Stoff zum Nachdenken.

Den liefert heuer auch der estnische Beitrag, versteckt im Lagunenlabyrinth: Wir treffen die junge Künstlerin Kristina Norman erleichtert bei der Eröffnungsfeier des Pavillons, der von den größeren Medien des Landes ignoriert wird, wie sie erzählt. Denn das offizielle Estland ist sauer, Norman hat mit ihrer Arbeit „After-War“ über den Streit um das russische Denkmal des Bronzesoldaten in Tallinn einen wunden Punkt getroffen. Und sie tat das taktisch erst so spät, dass das Ministerium niemand anderen mehr für die Biennale nominieren konnte.

Anfang Mai erst stellte Norman eine goldene Kopie des vom Ursprungsort entfernten Denkmals auf, das die Russen als Zeichen ihres Sieges gegen die Nationalsozialisten verehren, die Esten aber als Symbol der Unterdrückung durch die Russen sehen. Die Verlegung des Denkmals von seinem zentralen Platz auf einen Friedhof führte 2007 zu Ausschreitungen. Ohne für eine Seite Partei zu ergreifen, dokumentierte Norman die Straßenschlachten, die Gedenkrituale und plädierte mit ihrer Guerilla-Wiederaufstellung für einen toleranten Umgang mit Geschichte. Eine mutige Arbeit.

Resignativ wirkt dagegen Island: „The End“ heißt das „lebende Bild“ eines Malers, der im Atelier eines morbiden Palazzo täglich dasselbe (männliche) Modell malt. Theatralik ist überhaupt ein großes Thema: ob im russischen Pavillon mit einer Geisterhausinstallation, bei den Ukrainern, die in einem prächtigen Palazzo romantisch-surreale Raumsituation installierten. Oder bei Rebecca Horn, deren neuer Film „Fata Morgana“ im Theater Fenice lief – „Nervenarzt“ Donald Sutherland jagt durch undurchsichtiges Begehren getrieben einer schönen jungen Patientin nach. Ihren Tanz auf der Küstenstraße werden wir nicht vergessen. sp

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2009)