Der Schlaf, in dem wir die Augen rollen – und träumen –, hilft Probleme lösen. In einem Experiment kamen Personen, die über ein Problem schlafen durften, eher auf eine Lösung als andere.
„Die Atome gaukelten vor meinen Augen. Lange Reihen, alles in Bewegung, schlangenartig sich windend und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfasste den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich.“ So erinnerte sich August Kekulé von Stradonitz, wie ihm die Ringform des Benzols ins Gehirn schoss, ähnliche Aha-Träume berichteten andere Forscher, und nicht nur sie waren im Schlaf kreativ: 1862 träumte Bismarck – geplagt von innenpolitischen Sorgen – von preußischen Truppen im österreichischen Böhmen, 1866 machte er Ernst, Preußen erklärte Österreich den Krieg und gewann ihn in Königgrätz.
Aber ist das alles wahr oder von der Erinnerung geschönt, gar Mythenbildung? Von der Funktion der Träume wissen wir so wenig wie von der des Schlafs, wir wissen nur, dass alle Säugetiere (und Vögel) einen Großteil des Lebens in diesem Zustand verbringen und dass man etwa Ratten durch Schlafentzug rasch töten kann, Menschen auch, das wissen Folterer.
Gehirn aktiv wie im Wachen
Aber wozu der Schlaf da ist, wissen wir nicht, einfach zum Rasten kann es nicht sein: Fast der ganze Körper ist im Schlaf so aktiv wie beim Wachen – das Herz schlägt, die Lunge pumpt, gottlob –, nur die Skelettmuskeln sind erschlafft und die Aufmerksamkeit der Sinne ist gedämpft. Aber vor allem das Gehirn arbeitet, und in einer Schlafphase – REM („rapid eye movement“), wir rollen die Augen und träumen darin – ist es mindestens so aktiv wie im Wachen.
Das weckte die Vermutung, dass das Gehirn dann den Tag noch einmal durchgeht, Erinnernswertes festhält und ungelöste Probleme bearbeitet. Aber die Erinnerung hat nichts mit dem REM-Schlaf zu tun, das zeigte sich in kleinen Experimenten im Schlaflabor, das zeigte und zeigt sich in einem großen Experiment: Viele Menschen mit Depressionen werden oft jahrelang mit Medikamenten therapiert, die REM unterdrücken; ihr Gedächtnis leidet nicht.
Ihre Kreativität vermutlich schon: Psychologin Denise Cai (UC San Diego) wollte klären, ob im Schlaf Probleme gelöst werden, und wenn ja, ob das an REM liegt oder einfach daran, dass im Schlaf weniger Sinneseindrücke von außen kommen. Deshalb legte sie Testpersonen morgens drei Wörter vor – etwa: „cookie“, „heart“, „sixteen“ –, zu denen ein viertes zu finden war, ein gemeinsamer Nenner. Über Mittag durften die Testpersonen kurz schlafen – entweder REM oder Non-REM – oder ohne Schlaf entspannen. Die Erinnerung arbeitete bei allen drei Gruppen gleich. Aber auf des Rätsels Lösung – „sweet“ – kam die REM-Gruppe viel besser. „Das unterstreicht die Empfehlung Kekulés: ,Lasst uns lernen zu träumen‘“, schließt Cai (Pnas, 8.6.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2009)