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Ein Spielplatz für Gründer

Coworking im Start-up-Campus Factory in Berlin. Etablierte Unternehmen finanzieren den Büroplatz der Gründer mit.
Coworking im Start-up-Campus Factory in Berlin. Etablierte Unternehmen finanzieren den Büroplatz der Gründer mit.(c) factory
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Coworking Spaces. In Berlin hat der Start-up-Campus Factory dem Konzept eine neue Dimension verliehen. Das Beispiel hat mittlerweile auch in Österreich Schule gemacht.

Twitter hat hier ein Büro, Uber auch. Daneben sitzen zahlreiche (noch) unbekannte Start-ups. Das Unternehmen Wunderlist ist nach dem Verkauf an Microsoft für mehr als 100 Millionen Dollar gerade ausgezogen. Die Rede ist vom Start-up-Campus Factory in Berlin Mitte, mit dem der Gründer Udo Schloemer das Konzept der Coworking Spaces in eine ganz neue Dimension gehievt hat.

Coworking Spaces basieren üblicherweise auf der Idee, kleinen, aufstrebenden Unternehmen gemeinschaftliche Büroräume zur Verfügung zu stellen, die in Betrieb und Miete deutlich günstiger sind als Einzelbüros. Ein weiterer Vorteil besteht darin,dass sich für die Unternehmen durch die unmittelbare Nachbarschaft der Schreibtische ein direkter Austausch untereinander ergibt, wodurch sie sich gegenseitig kreativ befruchten können. Es gibt inzwischen unzählige dieser Gemeinschaftsbüros, Beispiele sind die Goldene Forelle im Wirtschaftspark Breitensee in Wien 14oder der Impact Hub im siebten Wiener Gemeindebezirk. Üblicherweise bieten sie Platz für zwei bis drei Dutzend Arbeitsplätze.

Power-Naps und Fitness

Die im Juni 2014 eröffnete Factory, die in einer ehemaligen Brauerei eingerichtet wurde, übertrifft solche Gemeinschaftsbüros um ein Vielfaches, sowohl von der Größe als auch von den angebotenen Dienstleistungen und der Infrastruktur. 22 Unternehmen mit bis zu 600 Mitarbeitern arbeiten hier auf 16.000 Quadratmetern Bürofläche, „wobei wir eine Nachfrage für 165.000 Quadratmeter hätten“, berichtet Schloemer. Daher sollen bald drei weitere Projekte folgen.

Neben den eingerichteten Büros gibt es verschiedene Gastronomiekonzepte. Nach getaner Arbeit können die Mieter in einem – Gewächshäusern nachempfundenen – Green Room abhängen oder sich im Fitnessstudio ertüchtigen. Für den kurzen Schlaf zwischendurch bietet sich der Nap-Room an. Auch kann bei Bedarf auf Steuerberater, Rechtsanwälte und PR-Experten zugegriffen werden, die ebenfalls vor Ort sitzen.

„Die Immobilienbranche ist getrieben von Sicherheit. Die gibt es aber nicht“, sagt Schloemer. „Ich halte nichts davon, Verträge für zehn Jahre abzuschließen.“ Vielmehr können die Unternehmen die Laufzeit in der Factory selbst bestimmen. Die Mietpreise bewegen sich zwischen null und 60 Euro pro Quadratmeter. Nichts zahlen die Gründer – bis zu 60 Euro die etablierten Unternehmen. Querfinanzierung nennt Schloemer das. Dass Mieter scheitern, ist einkalkuliert. „Wenn einer scheitert, teilen sich die Mitarbeiter in kurzer Zeit auf die bestehenden Unternehmen auf.“

Gratisbüroraum für drei Jahre

Mittlerweile macht die Idee – in kleinerem Maßstab – auch in Österreich Schule: So hat etwa der Kommunikationsanbieter A1 vor wenigen Monaten den vierten Stock einer seiner Immobilien in der Treustraße im 20. Wiener Bezirk ebenfalls in einen Start-up-Campus umfunktioniert. „Wir wollen den Campus zu einer fixen Größe der Wiener Start-up-Szene machen und hier künftig auch entsprechende Veranstaltungen durchführen“, erklärt Hannes Ametsreiter, Generaldirektor A1 und Telekom Austria Group. Wer einziehen will, muss sich mit seiner Geschäftsidee bewerben. Im Idealfall folgt die Aufnahme in den Campus, der derzeit auf rund 500 Quadratmetern Platz für bis zu 50 Personen bietet. Meetingräume, Chill-out-Area und Office Space werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Zudem unterstützen Experten mit Know-how-Serviceleistungen. „Grundsätzlich laden wir unsere Start-ups drei Jahre zu uns ein“, sagt Campus-Leiter Mario Mayerthaler. „Wir sind vor allem an Junggründern interessiert, die zu unserem Firmenbild passen.“

Jan Linsin, Research-Experte bei CBRE Deutschland, ist überzeugt, dass solche Konzepte funktionieren. „Start-ups haben andere Bedürfnisse als klassische Büronutzer. Die wollen sich austauschen. Die Immobilie ist für sie nur eine Hülle.“ Luft nach oben gibt es noch genug. „Die Immobilienbranche nimmt die Zielgruppe der Start-ups noch nicht ausreichend wahr“, sagt Linsin – und Schloemer fügt hinzu: „Alle Investoren, die hinter uns stehen, kommen nicht aus der Branche. Darüber würde ich mir Gedanken machen.“

INFO

Üblicherweise sind es Immobilienunternehmen, die den Markt der Coworking Spaces beackern. Nicht so beim Start-up-Campus Factory in Berlin. Ins Leben gerufen vom Gründer Udo Schloemer wurde das Projekt von namhaften Unternehmen wie Google und Lufthansa maßgeblich mitfinanziert.

Ähnlich beim A1-Start-up-Campus: Hier stellt die österreichische Telekommunikationsfirma in einem eigenen Gebäude Gratisbüroraum für ausgewählte Start-ups zur Verfügung.

 


[LM411]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2015)