Der Informationskrieg am Sinai

EGYPT-UNREST-AVIATION-ACCIDENT
Russen warten in Sharm el-Sheikh auf ihren Abflug.APA/AFP/MOHAMED EL-SHAHED

Warum Briten und Amerikaner schnell Hinweise auf einen Terroranschlag verbreiteten, Russland aber den Flugverkehr nach Ägypten erst nach langem Zögern aussetzte.

Wien/Moskau/London. Nach langem Zögern scheint die russische Führung den Warnungen westlicher Geheimdienste Glauben zu schenken, dass eine Bombenexplosion an Bord für den Absturz des Airbus A321 am vergangenen Samstag verantwortlich ist. Am Freitagnachmittag ordnete Präsident Wladimir Putin überraschend den Stopp aller Flugreisen nach Ägypten an. Die britische und die amerikanische Regierung hatten zuvor öffentlich erklärt, dass islamistische Terroristen eine Bombe an Bord der über dem Nordsinai abgestürzten russischen Maschine mit 224 Insassen geschmuggelt haben.

Nach dem britischen Premier David Cameron sagte auch US-Präsident Barack Obama, ein Bombenanschlag sei „wahrscheinlich“, und man nehme diese Möglichkeit sehr ernst. Die Zeitung „The Times“ berichtete, dass die Geheimdienste beider Nationen nach dem Unglück per Satellit abgehörte Telefongespräche bekannter Terroristen in Syrien und auf dem Sinai auf Hinweise abgesucht hätten und dabei fündig geworden wären. „Ton und Inhalt der Botschaften überzeugten die Ermittler, dass eine Bombe an Bord geschafft wurde – entweder durch einen Passagier oder einen Mitarbeiter des Bodenpersonals“, schrieb das Blatt. Die BBC ergänzte, die Ermittler in London seien überzeugt, dass jemand vom Rollfeld aus kurz vor dem Start die Bombe im Inneren deponiert habe – entweder ein Gepäckarbeiter, jemand aus der Putzkolonne oder ein Angestellter der lokalen Catering-Firma SS Air.

Eine mit dem Islamischen Staat verbündete ägyptische Terrorzelle hatte in den vergangenen Tagen zwei Mal behauptet, für das Unglück verantwortlich zu sein. Begründet wurde der Akt mit den „russischen Luftschlägen, die hunderte Muslime auf syrischem Territorium getötet“ hätten. Russische wie ägyptische Behördenvertreter wiesen das Bekennerschreiben zurück.

Aus russischer Sicht würde ein Terroranschlag bedeuten, dass die Intervention in Syrien, der in russischen Staatsmedien als präventiver „Krieg gegen den Terror“ dargestellt wird, einen unerwartet hohen blutigen Tribut gefordert hat. Russische Medien berichteten zunächst kaum über die westlichen Befürchtungen; gestern änderte sich das Bild. Sollte sich die tragische Vermutung bestätigen, wäre der Kreml gezwungen, der Öffentlichkeit zu beweisen, warum der Militäreinsatz fern der Heimat – gerade wegen des mutmaßlichen Anschlags – weiterhin vonnöten ist.

 

Mehr Kooperation mit Kreml?

Die Verbreitung der Geheimdienst-Erkenntnisse über westliche Medien könnte neben den begründeten Sicherheitsbedenken – einer neuen globalen Bedrohung der bisher lokal operierenden Terrormiliz – auch ein zweites Ziel gehabt haben. Vor allem Washington könnte im Sinn haben, den Druck auf Moskau bei seinem Vorgehen in Syrien zu verstärken und den Kreml zu mehr Kooperation zu bewegen. Mehrheitlich bombardierte die russische Luftwaffe bisher Ziele von Assads Gegnern, die nicht dem IS zugerechnet werden.

Für Kairo ist der Verdacht auf einen Terroranschlag verheerend. Dramatische Auswirkungen auf die wichtigste Einnahmequelle – den Tourismus – werden befürchtet. Das ägyptische Außenministerium bezeichnete den westlichen Terroralarm zum gegenwärtigen Stand der Untersuchung als „voreilig und nicht gerechtfertigt“. Auch hätten Briten und Amerikaner ihr Vorgehen nicht vorab mit den zuständigen Stellen abgesprochen.

Gleichzeitig wäre klar, dass die ägyptische Führung entgegen aller Beteuerungen die Lage auf der gebirgigen und unruhigen Halbinsel nicht in den Griff bekommt. Ägyptische Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass „einige hundert“ Gotteskrieger auf dem Sinai operieren. Sie sind in konspirativen Zellen von fünf bis sieben Mitgliedern organisiert und agieren weitgehend autonom.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2015)