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Was Zäune an den Grenzen bewirken

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SymbolbildAPA/ERWIN SCHERIAU

Immer mehr Staaten wollen ihre Grenzen gegen Flüchtlinge abschirmen. Doch was haben Zäune bisher gegen Migranten gebracht?

Wien. Helfen Grenzzäune gegen Zuwanderung? Kaum eine Frage ist in Europa derzeit so umstritten wie diese. Wendet man sich an Experten, sind viele skeptisch, jedenfalls auf lange Sicht. „Flüchtlinge kann man mit Zäunen nicht abhalten“, sagt etwa Martijn Pluim vom International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) im Gespräch mit der „Presse“. „Die Menschen, die kommen, haben ihr gesamtes Hab und Gut zurückgelassen und haben ein Ziel vor Augen.“ Sie wollten mehr als nur Sicherheit: sich ein neues Leben aufbauen. Deshalb verschiebt sich nur die Route, wenn ein Zaun gebaut wird. Oder das Schlepperwesen blüht auf.

Trotzdem überlegen immer mehr EU-Länder, die Grenzanlagen wieder aufzubauen. Slowenien soll sogar schon einen Zaun in Polen gekauft haben. Doch was haben Zäune gegen Migranten gebracht? Ein Überblick von den USA über Israel bis Bulgarien.

3145 Kilometer zählt die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Die US-Behörden haben mehr als sieben Milliarden Dollar ausgegeben, um sich auf gut 1000 Kilometern mit Zäunen gegen illegale Einwanderer zu schützen. Festungsartig gesicherte und überwachte Grenzabschnitte gibt es vor allem nahe großer Städte wie San Diego in Kalifornien oder El Paso in Texas.

Nach Angaben des National Border Patrol Council können annähernd 40 Prozent der Grenze kontrolliert werden. Große Teile verlaufen durch Wüstengebiet und entlang des Rio Grande, weshalb regelmäßig Menschen bei dem Versuch ums Leben kommen, in die USA zu gelangen. 2014 sind 486.000 illegale Immigranten an der Grenze aufgegriffen worden. Das sei ein Rückgang, sagen die Grenzschützer.

240 Kilometer Grenze verlaufen zwischen Israel und Jordanien. Eigentlich kooperieren die beiden Staaten gut bei deren Sicherung, doch nun baut die Regierung von Benjamin Netanjahu auch dort einen 30 Kilometer langen Sicherheitszaun. Sie fürchtet, dass afrikanische Einwanderer und jihadistische Kämpfer über Jordanien nach Israel kommen könnten, nachdem Jerusalem die Grenze zu Ägypten 2013 dichtgemacht hat. Über 50.000 Menschen aus Afrika sind in den vergangenen Jahren nach Israel gekommen.

Schon ab 2003 hat das Land an der Grenze zum palästinensischen Westjordanland Mauern und Zäune aufgebaut, um sich vor Anschlägen radikaler Palästinenser zu schützen. Der Gazastreifen ist umzäunt, und Sicherheitsanlagen stehen auch an der Grenze zum Libanon und zum Bürgerkriegsland Syrien auf dem Golan.

20 Kilometer lang und sechs Meter hoch sind die Zäune, die Spaniens nordafrikanische Enklaven Ceuta und Melilla vor Flüchtlingen aus Afrika abschirmen sollen. Zäune gibt es dort bereits seit 1993, sie sind stetig verstärkt worden. Immer wieder hat es – auch tödlich endende – Versuche von Migranten gegeben, die Grenzzäune zu überwinden. Erst vor einem Monat gab es in Ceuta wieder einen Massenansturm, bei dem mehr als 200 Menschen versuchten, die Sperranlage zu stürmen.

Die Zahl der Einwanderer in Spanien ist gesunken: Waren es 2006 nach Angaben des Innenministeriums in Madrid noch fast 40.000 Menschen, die über das Mittelmeer oder die Enklaven ins Land kamen, waren es 2014 nur noch 7800. Die spanische Regierung sieht die Zusammenarbeit mit Marokko und Ländern der Region als einen Grund für den Rückgang.

Zehn Kilometer Länge und drei Meter Höhe: Das sind die Maße des Zauns, mit dem Griechenland versucht, seine Landgrenze zur Türkei zu sichern. Es war das erste EU-Land, das 2012 angesichts steigender Flüchtlingszahlen zu solchen Absperrungen griff. Daraufhin ging die Zahl der Flüchtlinge zurück. Im September dieses Jahres beschlossen die Behörden, die Absperrung an beschädigten Stellen zu reparieren und weiter zu verstärken. Auf dem Grenzfluss Evros, der den restlichen Teil der Landesgrenze ausmacht, fahren Patrouillenboote. Im Sommer kamen fast 1600 Flüchtlinge über diesen Weg nach Griechenland.

271 Kilometer beträgt die Länge der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei. Hier wurde 2013 nach Griechenland der zweite Grenzzaun errichtet, um Flüchtlinge an der Einreise zu hindern – laut Experten eine unmittelbare Folge des griechischen Zauns. 11.000 Menschen, hauptsächlich aus Syrien, hatten in diesem Jahr die türkisch-bulgarische Grenze überquert. 2014 sank die Zahl auf 4000. Trotzdem beschloss die Regierung in Sofia im vergangenen Jahr, den 30 Kilometer langen Stacheldrahtzaun weiter aufzurüsten. Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise hat das Land nun auch Soldaten an die Grenze geschickt.

175 Kilometer Grenze zu Serbien hat Ungarn bereits im September mit einem Zaun abgeriegelt, im Oktober dann auch das mehr als 300 Kilometer lange Stück zu Kroatien. Zusätzlich hat Budapest illegale Grenzübertritte zur Straftat erklärt. Zwei Drittel der kroatisch-ungarischen Grenze werden allerdings von Flüssen markiert, wo es auf weiten Strecken keine Zäune gibt.

Für die Sicherung seiner Landesgrenzen vor den Flüchtlingen hat Ungarn über 200 Millionen Euro ausgegeben. Premier Viktor Orbán hat es mit diesen Maßnahmen geschafft, dass die meisten Flüchtlinge sein Land meiden – nicht aber die EU. Die Flüchtlingsroute hat sich nun in Richtung Slowenien verschoben.

Saudiarabien/Irak. Die Regierung in Riad setzt nach dem Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat ebenfalls auf einen Grenzzaun, um sich vor Terrorattacken zu schützen. Saudiarabien hat damit begonnen, eine Mauer aus Sand, die das Land vom Irak trennt, mit einem 900 Kilometer langen Zaun zu verstärken, außerdem mit 78 Wachtürmen, acht Kommandozentren, Überwachungswagen und Sondereinheiten für schnelle Eingriffe.


Indien/Bangladesch. Nicht Terrorismus, sondern Einwanderung aus Bangladesch wollte Indien ab 1993 mit einem Stacheldrahtzaun an der Grenze zum Nachbarland verhindern. Die Sperranlangen um die Enklave wurden schrittweise errichtet und führten zu einem Streit über den genauen Grenzverlauf. Im August legten die Länder die Grenzstreitigkeiten bei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2015)