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Compliance: Firmen geben ihre Jagden auf

Einst gehörten Einladungen zur Jagd zum Geschäftsleben. Mittlerweile gibt es strenge Compliance-Regeln, Firmen trennen sich deshalb von ihren Jagden und lassen ratlose Ortschaften zurück.

Es war ein ausgesprochen netter Nachmittag bei Kaffee und Kuchen im Jagdhaus in Gerlos in Tirol. Bis einer der Anwesenden kund tat, dass er Journalist ist und zwecks Recherche hier sei. Das gewichtige Mitglied des Vorstands eines großen deutschen Konzerns verschluckte sich fast an seiner Schokoladentorte, trank schnell den Kaffee aus und verließ samt Chauffeur kurz grüßend das Wohnzimmer.

So hastig hätte er die ausgezeichnete Torte nicht verzehren müssen, weil sein Jagdausflug völlig korrekt war. Der Manager war nicht auf Einladung in Gerlos, sondern hatte aus seiner eigenen Tasche 8000 Euro für die Jagd auf einen Hirsch bezahlt. Aber offenbar haben strenge Verhaltensvorschriften, Korruptionsskandale um Jagdeinladungen (Stichwort: Alfons Mensdorff-Pouilly) und das generell nicht beste Image der Jagd unter der Bevölkerung dafür gesorgt, dass in Teilen der Wirtschaft mit der Jagdkarte auch ein schlechtes Gewissen kommt. So bereitwillig wie früher geben Wirtschaftstreibende nicht mehr Auskunft auf die Frage, ob sie Jäger sind. Und während früher Einladungen zur Jagd zum normalen Geschäftsleben gehörten, trennen sich mittlerweile immer mehr Unternehmen von ihren Firmenjagden.


Bosch, Haribo gehen. In Tirol musste man in den vergangenen Jahren gleich mehrere Abgänge verkraften: Siemens gab seine Jagd im Zillertal auf, Bosch verlängerte die Pacht im Tannheimer Tal nicht mehr, die Firma Haribo trennte sich von der Jagd im Lechtal, und nach Jahrzehnten zeigte Thyssen-Krupp kein Interesse mehr an seinem 16.000 Hektar großen Revier an der Grenze zwischen Tirol und Salzburg in Gerlos.

Für die Ortschaften ist das ein schwerer Schlag, weil die Firmen sichere Einnahmen brachten und Jobs für Jäger garantierten. Dazu kamen Zuwendungen an Vereine, etwa in Gerlos durch den langjährige Chef von Thyssen-Krupp, Berthold Beitz. Er ließ sich sein Hobby jährlich angeblich mehr als eine Million Euro kosten.

„Der Rückzug der Großpächter liegt einerseits am überschießenden Umgang mit dem Thema Compliance, andererseits am Generationenwechsel in den Chefetagen“, erklärt Tirols Landesjägermeister, Anton Larcher. Jetzt drohe eine „Filetierung der Großreviere“ und wirtschaftliche Folgen „in Gegenden, in denen ein großer Jagdbetrieb ein wichtiger Wirtschafts- und Beschäftigungsfaktor ist“.

In Gerlos haben die Seilbahnen den Tiroler Teil der Jagd von Thyssen-Krupp (10.000 Hektar) übernommen. Geschäftsführer Franz Hörl bietet nun Jagdpakete für Interessierte an, die das notwendige Geld haben, sich aber nicht mit einer eigenen Jagd belasten wollen. Für 30.000 Euro pro Jahr kann man unter anderem drei Hirsche, mehrere Gamsböcke, Rehe und Murmeltiere schießen. „Mit 15 Mitgliedern könnten wir die Jagd führen. Uns geht es darum, das Revier zu erhalten und die Jobs zu sichern“, erklärt Hörl. Interesse gebe es vor allem aus Deutschland – von Privatpersonen.

Zahlen

51.677

Hirsche wurden im vergangenen Jagdjahr in Österreich erlegt. Bei Rehwild waren es insgesamt 268.054 Stück. Im Straßenverkehr wurden etwa 67.000 Rehe getötet.

12.227

Jagdgebiete gibt es in Österreich. Laut Statistik der Zentralstelle der Landesjagdverbände besaßen 2012 exakt 126.378 Personen eine Jagdkarte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2015)