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Wien Modern: Politsatire und Klangtheater

Staatslimousinen statt Lastwagen, Medienpräsenz statt echter Hilfe: „Whatever Works“.(C) Wien-Modern/ Nurith Wagner-Strauss
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Musiktheater mit verfremdeten Songs, Theatermusik mit lautmalerischen Effekten: „Whatever Works“ von Dinev/ Fuentes/ Kerer und Salvatore Sciarrinos „Carnaval“.

Es tut sehr wohl den Nerven, dass jemand steht noch tiefer unten“, sind sich die Bürger einig. Auf ihrem gemütlichen Fernsehsofa dürfen sie bewegende Bilder einer humanitären Hilfe konsumieren, die die eigene Regierung in einem fernen Krisengebiet leistet, und sich zufrieden auf die Schulter klopfen: „Es heißt, es zählt der Mensch, aber für alles zahlt das Volk. Doch diesmal zahlen wir sehr gern, so lang die Flüchtlinge uns bleiben fern.“ Dass sie alle eine schamlose Inszenierung vorgesetzt bekommen, die Organisation im Hintergrund gänzlich schiefgelaufen ist und in erster Linie den politischen Akteuren nützt, können oder wollen sie nicht wissen . . .

Dieses Szenario ist Ausgangs- und Endpunkt von „Whatever Works“, einem „satirischen Musiktheater“, das bei Wien Modern als Zusammenarbeit mit der freien Wiener Operntruppe Netzzeit im Rabenhof Theater herausgekommen ist. Damit hat das Festival erneut eine szenische Produktion gewagt – und jedenfalls diesmal mit der Qualität von Libretto und Inszenierung die im Vorjahr als Gesamtprojekt spektakulär gescheiterte Sitcom-Oper („Das Leben am Rande der Milchstraße“) deutlich übertroffen.

 

Eiskalte Außenministerin

Dass Librettist Dimitré Dinev zwischen erster und letzter Szene die Handlung mosaikartig aus in der Zeit hin und her springenden Rückblenden zusammensetzt, mag anfangs etwas verwirren, ermöglicht ihm aber trotz bekannten Ausgangs einige erzählerische Pointen. Schwächere Szenen wie jene mit den „Wüstenpiraten“ oder der zur Selbstverbrennung ansetzenden Aktivistin fallen nicht allzu sehr ins Gewicht. Denn Michael und Nora Scheidl (Regie und Ausstattung) können sich auf ihre Hauptdarstellerin verlassen. Inmitten von origineller Einfachheit bis hin zu ausgeklügelten, Spiegelbilder simulierenden Videos erlangt Sarah Maria Sun als dem Alkohol zugeneigte, eiskalte Außenministerin Umma unheimliche Präsenz: Eine virtuose Phrasendrescherin („Weil nur der Mensch zählt“), glaubt sie sogar den selbst verzapften Unsinn. Großartig ihre letzte Ansprache und zuvor schon die Szene, in der sie sich ohne Illusionen über „das Volk“ Gedanken macht: Da schiebt ihr Komponist Arturo Fuentes mit ironischer Geste eine leicht verbeulte Version von „We Are The Champions“ unter. Er erzielt damit noch größerer Wirkung als mit einer ähnlich gearteten „Carmen“-Fantasie zum Schäferstündchen von Emma, der UN-Hochkommissarin für Katastrophenhilfe (Shira Karmon), die an und mit ihrem Idealismus scheitert. Fuentes arbeitet mit Beat, Pattern, Elektronik. Man fragte sich, ob nicht eine konsequent in Richtung Song oder gar Musical gehende Partitur der satirischen Wirkung angemessener gewesen wäre. Fuentes teilte sich Szenen und Handlung mit der Komponistin Manuela Kerer. Sie zeigt in den Ensembles und Chören Vorliebe für „analoge“ hohe Töne und textliche Verfremdungseffekte, die musikalisch jedoch in eine ganz andere, eher dekonstruierende Richtung weisen. Das Ensemble Phace unter Simeon Pironkoff zeigte sich mit allen stilistischen Wassern gewaschen.

Am Abend zuvor gaben das Klangforum Wien und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart unter Tito Ceccherini im Konzerthaus Salvatore Sciarrinos „Carnaval“. Knappe Texte, die man für Fragmente von Umberto Eco halten könnte, werden für lautmalerische Madrigalismen, Echoeffekte und Naturlaute genützt. Wortloses Herz ist aber die rein instrumentale der zwölf Nummern: Klang gewordene Nachtschattengewächse und bedrohlicher Marschtritt im Verein. Große Begeisterung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2015)