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„Irrational Man“: Belebende Mordgelüste

Joaquin Phoenix als Philosophieprofessor Abe, Parker Posey als seine ihn anhimmelnde Kollegin Rita.
Joaquin Phoenix als Philosophieprofessor Abe, Parker Posey als seine ihn anhimmelnde Kollegin Rita.(c) Warner
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Woody Allens „Irrational Man“ ist ein moralischer Diskurs versteckt in einem Krimi versteckt in einer romantischen Komödie. Heiter.

Philosophie kann man nicht nur theoretisch studieren, meint der gefeierte Professor Abe Lucas – und hält sich den Revolver an den Kopf. Russisches Roulette, seine Chancen stehen fünf zu eins. Er drückt ab, dreht die Trommel des Revolvers, drückt wieder ab, und wieder. Eine, sagen wir, eigenwillige Einlage auf einer Studentenparty – aber könnte es eine bessere Lektion in Existenzialismus geben?

Er hätte auch nicht allzu viel dagegen gehabt, wenn ein Schuss ausgelöst worden wäre, wird Abe Lucas (Joaquin Phoenix) im Lauf von Woody Allens „Irrational Man“ noch sagen. Die Figur des desillusionierten Philosophieprofessors auf dem Tiefpunkt seines Lebens dürfte Allen, dem Meister der gescheiterten und psychisch angeschlagenen Seelen, der seine Themen wie Charaktere gerne recycelt, leicht von der Hand gegangen sein: Abe ist neu in der kleinen amerikanischen College-Stadt, ein legendenumrankter Akademiker, der aber seine Lebensfreude genauso verloren hat wie seine sexuelle Potenz und nun mit Wampe und Flachmann in der Tasche über den Campus wandelt.

Nicht einmal für sein Fach bringt er große Begeisterung auf: „Philosophie ist verbale Masturbation“, sagt er. Die Frauen begehren ihn dennoch – die Chemiedozentin Rita (Parker Posey) hofft, dass er sie von ihrem langweiligen Ehemann entführt, die ambitionierte Studentin Jill (Emma Stone) ist fasziniert von seiner selbstzerstörerischen Getriebenheit. Die Chance, seine philosophischen Überlegungen auf das wahre Leben zu übertragen, kommt bald: Als er mit Jill in einem Restaurant sitzt, weint sich eine Frau am Nebentisch über einen korrupten Richter aus, der ihr das Sorgerecht für ihre Kinder entziehen will.

Was für eine schreckliche Person! Wäre die Welt ohne ihn nicht eine gerechtere? Belebt durch die Idee, einen schlechten Menschen aus dem Verkehr zu ziehen, plant Abe den perfekten Mord – inspiriert von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und legitimiert durch allerlei philosophische Theorien. Das Vorhaben führt ihn aus der Sinnkrise, weckt seine Lebensgeister und seine erektilen Muskeln wieder, aus der platonischen Beziehung zu Jill wird eine romantische.

 

Moral, Mord und Romantik

Aber kann Mord überhaupt gerechtfertigt werden? Was ist mit seinen Folgen? Bestimmt der Zufall oder das Schicksal unser Leben? Wann darf man eigentlich lügen? So grundlegend die Fragen sind, die Allen in seinem Film verhandelt, so beschwingt kommt er daher. „Irrational Man“ ist ein moralischer Diskurs versteckt in einem Krimi versteckt in einer romantischen Komödie.

Joaquin Phoenix haucht dem unförmigen, depressiven Abe verwegene Attraktivität ein; Emma Stone, die auch in Allens letztem, vernachlässigbaren Film „Magic in the Moonlight“ die weibliche Hauptrolle spielte, darf diesmal mehr Register ziehen: Sie gibt eine smarte, mal schmachtende, mal furiose junge Frau, die nichts, was ihr das Leben bieten könnte, auslassen will. Allen lässt die beiden Protagonisten leichtfüßig durch neunzig Minuten voller gewitzter Dialoge trippeln und vor glitzernden Seen und pastellfarbenen Häuschen um die Wette strahlen (Kamera, wie in Allens letzten Filmen: Darius Khondji). Im Hintergrund dudelt der fröhliche Jazzsound von „The In Crowd“ des Ramsey-Lewis-Trios als wiederkehrendes Motiv.

 

Allen zitiert Allen

Apropos wiederkehrend: „Irrational Man“ ist Allens ungefähr 50. Film (je nach Zählweise), und wie er es bisher schon tat, so wiederholt er sich auch hier: Die Fragen, was einen Mord rechtfertigt und ob man, um sein eigenes Glück zu erreichen, moralische Grundfesten auch flexibel auslegen darf, fand sich schon in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ sowie in seinem jüngeren Meisterwerk „Match Point“.

Auch mit Liebenden, die locker Vater und Tochter sein könnten, spielte Allen immer wieder. Kann man es einem knapp 80-jährigen Regisseur, der noch immer verlässlich jedes Jahr einen Film herausbringt, verdenken, dass er sich selbst zitiert? In „Irrational Man“ kombiniert er jedenfalls elegant ein ernstes Motiv mit heiterem Witz und überraschenden Wendungen. Heraus kommt eine leichtgewichtige, aber anregende Komödie, die in seinem Lebenswerk jedenfalls eine Mittelfeld-Position einnimmt.

„Irrational Man“ von Woody Allen mit J. Phoenix, E. Stone: ab 12. 11. im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2015)