Susanne Winter: "Zeitungen werden nicht mehr gebraucht"

Winter Sarrazin
(c) Screenshot puls4.com

Auf Puls 4 wurde zum Thema "Wie geht die Gesellschaft mit rechtem Gedankengut um?" diskutiert. Die TV-Debatte, bei der sich Thilo Sarrazin überraschend zurückhielt, glitt in eine Social-Media-Diskussion ab.

Vor einer Woche war der Rauswurf der Abgeordneten Susanne Winter aus der FPÖ wohl das tonangebende Thema in den sozialen Netzwerken. Falls Sie in den vergangenen Tagen unter einem Stein gelebt haben: Winter hatte eine antisemitische Äußerung auf ihrer Facebook-Seite gut geheißen und wurde daraufhin von ihrer nunmehrigen Ex-Partei (diesen Begriff verwendet Winter inflationär) ausgeschlossen. In der "Zeit im Bild 2" stellte sie sich den Fragen von Armin Wolf. Im Netz gab es viel Häme für die "wilde" Abgeordnete, aber auch Kritik an Wolfs Interviewstil. Dass das TV-Format "Pro und Contra" auf Puls 4 diesen medialen Aufreger nun am Montagabend aufgriff, war naheliegend.

Von der FPÖ wollte niemand kommen, so Moderatorin Corinna Milborn, um über den "Eklat Winter - Wie geht die Gesellschaft mit rechtem Gedankengut um", zu diskutieren. Dafür nahm Susanne Winter noch einmal eine Einladung eines Fernsehsenders an, um über ihre "Fahrlässigkeit", wie sie es in der Sendung ausdrückte, zu sprechen. Betonte aber zugleich, wie unverstanden sie sich fühle: "In der Politik gibt es wohl keine Menschlichkeit mehr, Menschen machen Fehler."

Zusätzliche Brisanz versprachen die weiteren Gäste, vor allem Thilo Sarrazin (der einst für die SPD Finanzsenator im Berliner Senat war und mit seinen Büchern "Deutschland schafft sich ab" und "Der neue Tugendterror" für Schlagzeilen sorgte), der neben Winter Platz nahm, und "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk gegenüber. Die Runde komplettierten SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder und Cathrin Kahlweit, Wien-Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung". Die Positionen waren also relativ klar besetzt.

Sarrazin: Winters Antwort war "schwachsinnig"

Dass Schieder ("Die FPÖ hätte die Frau Winter gar nicht auf die Liste nehmen dürfen") und natürlich Klenk ("Ich finde Sie als Politikerin langweilig... und ziemlich fantasielos... Bei der FPÖ findet eine systematische Entwürdigung der Menschen statt") sich auf Winter und die Freiheitlichen einschießen werden, konnte man vorhersehen.

Wie sich Sarrazin zu dieser Causa äußerte, war a priori wohl weniger einzuschätzen. "Der Text, auf den Sie antworteten, war in sich selbst indiskutabel. Ihre Antwort war auch zumindest schwachsinnig. Dass Sie das bereut haben, das ist ja positiv, dass kann jemand mit Verstand ja auch nur bereuen", so Sarrazin, der nach einem gescheiterten Ausschlussverfahren nach wie vor SPD-Mitglied ist. Und das war es dann im Grunde auch:  Sarrazin hielt sich in der Debatte sehr zurück, gestikulierte kaum und sprach in ruhigem Ton.

Soziale Netzwerk als Hort der Verhetzung?

In Summe wurde den Zusehern also eine Debatte präsentiert, die etwas zerfahren wirkte. Nach rund einem Drittel glitt das Gespräch in eine Social-Media-Diskussion ab: Über Vorteile, Gefahren und Implikationen von sozialen Medien zu diskutieren, ergibt selbstverständlich Sinn. Man sollte diesem komplexen und heiklen Thema aber gleich eine eigene Sendung - mit entsprechenden Fachleuten als Studiogästen - widmen.

"Süddeutsche"-Redakteurin Kahlweit leitete dieses Subthema mit folgender Frage ein: "Ist das soziale Netz der Hort der Verhetzung, der Ursprung des Übels? Darüber müssen wir diskutieren." Und so geschah es auch, fast bis zum Ende der rund 50-minütigen Sendezeit. Kahlweit: "Viele, die sich in den sozialen Netzwerken bewegen, tendieren dazu, sich ihre eigene Wahrheit aus selektierten Meldungen zusammenzustellen." Schieder sieht die Gefahr darin, dass "aufgrund der Anonymität die Sprachwahl radikaler wird". Zugleich aber warnte er vor einer "Internetzensurbehörde".

"Am besten, wenn es Facebook nicht gäbe"

Weniger differenziert dagegen Sarrazin: Es wäre "am besten, wenn es Facebook nicht gäbe", befand er. Denn, hier passiere nicht selten  "Meinungsmanipulation". Unerwartete Schützenhilfe kam diesbezüglich von Klenk: "Schön, dass Sie das so benennen."

Winter hingegen sah in Social Media gar das Ende von klassischen Medien: "Die sozialen Medien sind die Zukunft. Da darf man gar nicht daran herumrütteln. Man sieht, dass die Zeitungen als solches einfach wegkommen und nicht mehr gebraucht werden, weil sich die Menschen woanders die Informationen holen." Klenk, der Social Media als "Ansammlung von Stammtischen" bezeichnete, aber auch Korrektive als "schöne Seite" hervorhob, konstatierte, dass es "abseits der Hetzmeute ein unglaubliches Bedürfnis gebe, Informationen zu beziehen. "Das ist vielleicht die Rückkehr des klassischen Journalismus, der von ihnen totgesagt wurde" - er meinte damit Winter - "weil sie gesagt haben, die sozialen Netzwerke werden uns alle ablösen". Winter lakonisch-ironisch, aber doch mit verzweifeltem Unterton: "Ich bin scheinbar für alles verantwortlich."

Causa Winter

Die Nationalratsabgeordnete Susanne Winter hatte auf ihrer Facebook-Seite einen Artikel gepostet, in dem der ungarische Premier Viktor Orban die Finanzindustrie für die Flüchtlinge verantwortlich macht, allem voran den jüdischen Finanzinvestor George Soros. Dieser Artikel wurde von einem User kommentiert, der konstatierte, die „zionistischen Geld - Juden Weltweit sind das Problem.“ Daraufhin Winter: „.....schön, dass Sie mir die Worte aus dem Mund nehmen ;-).“ Die aufkommende Kritik kommentierte Winter damit, dass sich ihr Lob auf den Orban-Artikel bezogen hätte. Doch die FPÖ gab sich unversöhnlich und schloss Winter, die nun als "wilde Abgeordnete" im Parlament sitzt, aus der Partei aus.

>> Link zu "Pro und Contra"