Pop

Wien modern: Zwinkern für Polka und Pop

(c) Harald Hoffmann
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Das RSO Wien spielte eine Suite von Gerhard E. Winkler und Olga Neuwirths Hommage an Klaus Nomi.

Warum befasst sich die zeitgenössische E-Musik so wenig mit der Popmusik? Das Festival Wien modern stellt sich heuer unter dem Motto „Pop Song Voice“ dieser Frage. Das erste Stück beim Konzert des RSO Wien im Musikverein legte eine ungewöhnliche (und auch nicht wirklich befriedigende) Antwort nahe: Weil sie mit der Populärmusik des 17., 18. und 19. Jahrhunderts noch nicht fertig ist.

Der Salzburger Gerhard E. Winkler hat eine – gelehrt „Anamorph II“ betitelte – Suite komponiert, in der diverse ältere Tanzmusiken auftauchen, kurz ihre Reize entfalten und wieder verschwinden. Meist brachial. Ein Walzer zerschellt, ein Tango wird zerstampft, eine Polka zerbricht am Zwitschern eines Waldvögleins, ein Landler landet nach triumphalem Auftakt in Hysterie. Die jähen Brüche haben, wie das in der Musik so ist mit jähen Brüchen, etwas Ironisches. Eine „augenzwinkernde Hommage an eine meiner Lieblings-TV-Serien“ sei der vierte Satz „Mystery Act“, sagt Winkler, und, wirklich, nicht nur in diesem Teil wird gezwinkert, dass einem schon beim Zuhören die Augenmuskeln schmerzten. Ob man tatsächlich aus der „Pussy-(r)-Polka“, wie Winkler erklärt, „die lustvoll-anarchischen Protestschreie des Punk herauswachsen“ hören konnte? Egal, kurzweilig war die Sache jedenfalls. Vor allem, weil sie erfreulich kurz war.

Ach ja, der Weltuntergang . . .

Mit mehr Ausdauer befasst sich Olga Neuwirth seit vielen Jahren mit dem Pop-Countertenor Klaus Nomi, der in den Siebzigerjahren verkörperte, was man damals „schräg“ und „schrill“ nannte: ein faszinierender Manierist. Neuwirth, die schon 2012 bei Wien modern eine „Hommage à Klaus Nomi“ präsentiert hatte, ließ auch diesmal den beeindruckenden, wenn auch zu Beginn vom Orchester übertönten Countertenor Andrew Watts die Songs fast originalgetreu singen; die knappen Rhythmen, die kargen Konturen des Elektro-Pop der Originale ersetzt sie durch ein dichtes Gewebe von Motiven, die einander kommentieren, zitieren, überstimmen und, ja, auch belächeln.

In „Remember“ (von Nomi härter „Death“ genannt) schienen die Glissandi der Holzbläser die Begräbnisvisionen in Wehmut abzumildern, im „Last Song“ (Original: „Total Eclipse“) heulten die Posaunen, als wollten sie sagen: Nehmt den Weltuntergang doch nicht zu ernst! Gewiss, schon in Nomis Originalen rutscht die Tragik jäh ins Groteske (und umgekehrt), aber bei Neuwirth kommt hinzu, was man im Pop gern nach Frank Zappa „zappaesk“ nennt: Verspieltheit bis zur Witzelsucht. Von „Relektüre“ ist im Programmheft gleich zweimal die Rede – offenbar hat nun auch die poststrukturalistische Musikexegese dieses unschöne Wort entdeckt –, und davon, dass „die einfachen Strukturen durch den Zugriff der Komponistin den Stempel einer ins Artifizielle gesteigerten Lesart aufgedrückt“ bekämen. So kann man das vielleicht sagen. Aber ob das wirklich ein Lob ist?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2015)

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