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Filmkritik: Der Kampf des Steve Jobs um ein bisschen Ruhe

(c) UPI
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Eine angenehme Abwechslung zum patentierten Biopic-Format Hollywoods: "Steve Jobs" zeigt den Apple-Gründer inmitten kommunikativer Stürme. Regisseur Danny Boyle hält sich mit seinen charakteristischen Stilschnörkeln zurück.

Es sei natürlich reiner Zufall, dass der Apple Lisa, ein gescheiterter Vorgänger des Macintosh, genauso heiße wie die Tochter, die er nicht anerkennen wolle, beteuert Steve Jobs in Danny Boyles gleichnamigem Film über den 2011 verstorbenen Apple-Mastermind. Die Ironie ist augenfällig: Jobs, verkörpert von Michael Fassbender, wird von Anfang an als Mann gezeichnet, dessen Zufallstoleranz gegen null tendiert. Jemand, der kurz vor seinem großen Auftritt noch zum Hemd mit der richtigen Brusttaschengröße wechselt, um aus ihr bühnenwirksam eine Diskette zaubern zu können. Jemand, der beim Gehäusedesign in Millimetern denkt und regelmäßig Elefanten wittert, wo andere nur Mücken schwirren hören. „Ich verstehe Menschen nicht, die auf Kontrolle verzichten“, sagt er an einer zentralen Stelle des Films. Seine eigene Unfähigkeit, dies zu tun – selbst, wenn es auf Kosten seiner Nächsten geht –, ist sowohl das Geheimnis seines Erfolgs als auch die Wurzel seiner Einsamkeit. Der Mensch, der Maschinen vermenschlichen wollte, war selbst mehr Maschine als Mensch: So weit die (vorhersehbare) Pointe von „Steve Jobs“.

 

„Delle im Universum“

Interessanter sind Struktur und Aufbereitung des Films, eine willkommene Abwechslung zum patentierten Biopic-Format Hollywoods (und dezidiert ganz anders als Joshua MichaelSterns blutleere, formelhafte Unternehmerhagiografie „Jobs“, an der ausschließlich die outrierten Schreiattacken Ashton Kutchers in der Titelrolle amüsiert haben). Der Zuschauer wird Zeuge eines Backstage-Dramas in drei 40-minütigen Echtzeitaufzügen, die Jobs und seine geschäftige Equipe bei den letzten Vorbereitungen für historische Produktpräsentationen begleiten: Apple Macintosh (1984), Next Cube (1988) und iMac (1998). Die Zeitsprünge äußern sich im Format (16mm, 35mm, Digital) stärker als in der Charakterentwicklung – zu den Kernthemen des Narrativs gehört, dass sich Umstände wesentlich schneller als Menschen ändern.

Die kommunikativen Kämpfe hinter den Kulissen der von Jobs penibel orchestrierten Showcases sind wie die hochkomplexe Elektronik unter der täuschend glatten Oberfläche eines Apple-Produkts, wobei der angespannte Eventdirigent ständig bei seiner Koordinationskunst gestört wird. Alle wollen etwas von ihm, ob sie ihn mögen oder nicht: Exfreundin Chrisann Brennan (Katherine Waterston) braucht Geld für sich und ihre Tochter, Gerade-noch-Kumpel Steve Wozniak(Seth Rogen, bärtig und nerdig) bittet wiederholt und vergeblich um Anerkennung für die Ingenieure des Apple-II-Computers, während Manager und Vaterersatz John Sculley (Jeff Daniels) zwischen Besorgnis und Verbitterung pendelt. Jobs will meist nur seine Ruhe oder wenigstens strikten Gehorsam von Untergebenen, denen er im Zweifelsfall auch böse drohen kann – sehen die Leute nicht, dass er im Begriff ist, eine „Delle im Universum“ zu hinterlassen?

„Steve Jobs“ würde auch als Broadway-Stück gut funktionieren. Das kommt nicht von ungefähr: Für das Drehbuch zeichnet Aaron Sorkin („The West Wing“, „Moneyball“) verantwortlich, der seine Karriere als Theaterautor begonnen hat. In „The Social Network“ hat er schon den Facebook-Mitbegründer Mark Zuckerberg als brillanten Unsympathler porträtiert. Markenzeichen Sorkins sind geschliffene Wortwechsel zwischen intelligenten „Professionals“: staubtrockene, anspielungsreiche Screwball-Dramödien aus den Arbeitswelten des 21. Jahrhunderts, wo selbst Witze maßgeschneiderte Anzüge tragen.

 

Kate Winslet als treue Marketingchefin

Sein Dialog ist auch hier Triebfeder und Handlungsträger. Die charakteristischen Stilschnörkel des „Trainspotting“-Regisseurs Boyle (abrupte Schnitte, schiefe Kameraeinstellungen und andere Kinkerlitzchen) stechen in diesem Kontext eher störend hervor, halten sich aber in Grenzen. Einzig sein an Selbstparodie grenzender Versuch, eine Rückblendenvorstandssitzung per Musikeinsatz und Schattenspiel auf das dramatische Niveau einer Shakespeare-Tragödie zu heben, bleibt als bizarrer ästhetischer Ausreißer in Erinnerung.

Dabei hätte eine etwas strengere Formgebung (wie jene David Finchers in „The Social Network“) dem Film nicht geschadet. So wird er von all dem Erzählzierrat fast zerrissen, dass man nicht immer weiß (oder wissen will), worum es gerade wirklich geht. Es bleibt dem starken Ensemble überlassen, ihre Figuren über den Dialog hinauswachsen zu lassen, was besonders Fassbender gelingt – der Ire wird bereits für den Hauptdarsteller-Oscar gehandelt. Er lässt Jobs nie zur Karikatur eines Egoisten verkommen, verleiht vielen Aussagen Mehrdeutigkeit über die Intonation. Auch Kate Winslet als treue, aber kritische Marketingchefin und „Büroehefrau“ Joanna Hoffman sind sehenswert.

Leider löst „Steve Jobs“ viele seiner Widersprüchlichkeiten mit einer sentimentalen Schlussvolte auf, aber der mediale Streit um die „Korrektheit“ des komplexen Porträts (das sich trotz offizieller biografischer Vorlage zahlreiche künstlerische Freiheiten nimmt) wird sicher noch ein Weilchen Debatten unter Anhängern und Wegbegleitern befeuern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2015)