Seine jüngsten Zukäufe rücken Russlands ominösen Ölhändler Timtschenko erstmals in den Vordergrund.
Moskau. Von manchen Leuten gibt es keine Fotos. Oder höchstens ein einziges, das irgendwann einmal an die Öffentlichkeit durchgesickert ist und nie von einem neueren abgelöst wurde. Wie etwa bei Gennadi Timtschenko. In schwarzem Pulli und grau kariertem Sakko sitzt er da, den Kopf nach links gedreht und geheimnisvoll lächelnd. Vom Geheimnis umhüllt ist die ganze Person des russischen Ölhändlers. Heute weiß man immerhin, dass die von ihm gemeinsam mit dem Schweden Torbjorn Tornqvist in der Schweiz geführte „Gunvor“ der weltweit drittgrößte Ölhändler ist, ein Drittel des russischen Öls exportiert und im Jahr schätzungsweise 70 Mrd. Dollar umsetzt. Seit letzter Woche weiß man zusätzlich, dass Timtschenko über seinen kaum bekannten, luxemburgischen Fonds „Volga Resources“ seinen Anteil an der zweitgrößten russischen Gasgesellschaft Novatek um 13,13 Prozentpunkte auf 18,2 Prozent erhöht und dafür, ausgehend vom Marktwert, 1,6 Mrd. Dollar zahlen dürfte. Damit hält er fast gleich viel an Novatek wie Gazprom. Und wie nach dem Gesetz der Serie wurde diese Woche bekannt, dass er die Mehrheit an Russlands zweitgrößtem Auftragnehmer zum Bau der Öl- und Gasinfrastruktur, Strojtransgaz, kontrolliert.
Kontaktbörse „Judoklub KGB“
Dass man überhaupt auf den Namen des 56-jährigen Vaters dreier Kinder aufmerksam geworden ist, verdankt sich der russischen Präsidentschaftswahl 2004, als der Kandidat Iwan Rybkin behauptete, Timtschenko würde gemeinsam mit einem zweiten Putin-Freund die Geschäftsinteressen des russischen Präsidenten wahrnehmen.
Hartnäckigen Vermutungen, er habe mit seinem Altersgenossen gemeinsam beim KGB gedient und von Putins politischer Karriere in Petersburg und später in Moskau mächtig profitiert, trat Timtschenko entgegen: „Ich kenne ihn vom Judoklub“, sagte der gelernte Elektroingenieur, der bis 1999 in Petersburg unter anderem vom Ölexport lebte, im Vorjahr: „Wenn ich zum Training kam und er dort war, gaben wir einander die Hand. Jetzt aber habe ich keine Zeit, mich mit ihm zu treffen. Und er wahrscheinlich auch nicht.“ In dem von Timtschenko gegründeten Sportklub „Javara-Neva“ ist Putin Ehrenpräsident; geleitet wird er von Putins Judolehrer Arkadi Rotenberg.
Wie Putin selbst aber ist Timtschenko, der 9,5 Prozent an der von Putin-Freunden gegründeten Petersburger Bank „Rossija“ hält, und im Vorjahr mit 2,5 Mrd. Dollar Platz 43 im russischen „Forbes“-Journal einnahm, heute anderweitig viel beschäftigt. Die Krise, die ihn laut „Forbes“ in der diesjährigen Liste mit 400 Mio. Dollar auf Platz 98 gestürzt hat, hat den Ölexport aus Russland reduziert. Im März aber sickerte durch, dass Timtschenko, der 1999 Petersburg Richtung Finnland und später Richtung Schweiz verlassen hatte, einen im Bau befindlichen Ölterminal im russischen Ostseehafen Ust-Luga (zu dem eine neue Pipeline gelegt wird), gekauft hat. Auf der gesamten Anlage sollten später jährlich 25 Mio. Tonnen Ölprodukte umgeschlagen werden, gut ein Viertel der Menge, die Gunvor im Vorjahr umzuschlagen plante.
Erster öffentlicher Zukauf
Der Einstieg bei Novatek war die erste öffentliche Investition Timtschenkos in Russland. Novatek seinerseits hat ja seine Aktionäre in den letzten Jahren immer mit günstigen Akquisitionen erfreut, wie „Wedomosti“ betont. Auch letzte Woche hat Novatek für 650 Mio. Dollar 51 Prozent einer Großlagerstätte (etwa die Hälfte des weltweiten Jahresverbrauches) um das 13-Fache billiger gekauft, als die gleich großen eigenen Vorräte wert sind. Der Verkäufer der Lagerstätte kommt aus dem eigenen Haus: Gennadi Timtschenko.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2009)