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„Che“: Bügelbild eines Revolutionärs

(c) Senator
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Steven Soderberghs Film-Biografie „Che“: Zwei Teile, aber erschreckend erkenntnisfrei. Teil eins ab heute, Freitag.

65Euro: so viel bezahlt man bei www.thechestore.com für eine Revolutionärsausstattung. Militärhose, Hemd, Shirt und – natürlich – das charakteristische Barett. Auf geht's zum Guevara-Erlebnis: Kuba lässt den Reisenden in den Fußstapfen der historischen Figur wandern, die bolivianische Tourismusbehörde bietet eine Wanderung durch Bergdörfer an, in denen Ernesto Guevara Station gemacht hat.

Dass der Argentinier bereits seit Jahrzehnten als Stoßstangenaufkleber und Bügelbild rebellischen Wohlstandsmenschen eine Sofa-Anarchie ermöglicht, dass seine politischen Visionen von Marketing-Strategen zu wohlklingenden Stehsätzen eingekocht werden: all das stimmt und bremst doch nicht die gesamtkulturelle, von West nach Ost, von Nord nach Süd reichende Faszination dieses Menschen.

Angesichts all dieser Verpoppungen des Guevara erscheint es verständlich, dass sich US-Regisseur Steven Soderbergh für seine Filmbiografie zu Echtheit durchgraben wollte: nicht nur zu historischer Authentizität und Akkuratheit, sondern auch zu einem Gefühl. Sein bei der Weltpremiere in Cannes viereinhalb Stunden langer „Che“ wird international – dramaturgisch unsinnig – als Zweiteiler mit mehreren Wochen Abstand zwischen den Kinostarts verliehen: Die erste Etappe „Revolución“ umkreist die Geschehnisse von der Landung von Fidel Castro und Guevara an der kubanischen Küste hin zur entscheidenden Schlacht von Santa Clara. Die zweite, „Guerilla“, spielt in Bolivien und endet mit dem Tod des Revolutionärs.

 

Benicio del Toro als Che: stoisch

Hört sich nach einem konventionell strukturierten, klassisch ausgespielten Erlebnisfilm an, ist aber das Gegenteil: Soderbergh, Aushängeschild der unabhängigen US-Filmindustrie, kennt die Regeln Hollywoods, spielt sich mit publikumswirksamen Krachern wie den „Ocean's“-Filmen Raum frei für gewagte Unterfangen. Sein „Che“ ist radikal zugeschnitten auf die Erfahrungswelt des Guevara, stoisch, aber passgenau verkörpert von Benicio del Toro. Als wollte der Regisseur, der den Popfilm ähnlich wie sein Kollege Tarantino immer zum Quadrat und damit indirekt (als Kino im Kino) denkt, jegliche marketingstrategische Vereinnahmung oder Trendaufwallung durch seinen biografischen Versuch vermeiden, bürstet er den Bart der Ikone gegen den Strich: Guevara rast durch die – wenigen – Actionaufbauten, die weder energetisch noch betäubend wirken, sondern wie so vieles in diesem Film, einfach sind.

Der studierte Arzt, baldige Comandante sitzt im Wald, sinniert und notiert: keine einzige Einstellung der von Soderbergh unter seinem Alias Peter Andrews geführten Kamera empfiehlt ihn als Ikone – nichts an „Che“ erinnert nur annähernd an die ins Kulturgedächtnis eingegangene Fotografie des Kubaners Alberto Korda. Soderbergh zeigt lediglich eine Chronologie der Ereignisse. Sowohl der Regisseur als auch die Hauptfigur gehen dabei in die Defensive: konservativ, fast ehrfürchtig behandelt Soderbergh ihn, spart auch dessen manische, gnadenlose Charaktereigenschaften aus. Die Ermordung von disziplinlosen Guerilleros, die Hinrichtung von hunderten von Regierungssoldaten in der kubanischen Hafenfestung La Cabaña finden keinen Platz in seinem Film.

 

Wie zwei Italowestern-Revoluzzer

Dieser „Che“ ist gewagt in Form und Inhalt, soll intensives Erfahrungskino sein, bleibt aber – nicht zuletzt aufgrund seiner Überparteilichkeit – erschreckend erkenntnisfrei: die Geschichte hat US-Regiehandwerker Richard Fleischer bereits 1968 – in neunzig Minuten und besser – erzählt. In seinem „Che!“ wirken Castro (mit Zigarre im Mundwinkel: Jack Palance) und Guevara (Omar Sharif) wie zwei Italowestern-Revoluzzer auf Selbstmordmission: die Action sitzt, die Dialoge ebenso. Das Plakat: Ches Gesicht auf rotem Hintergrund. Zu kaufen für sieben Euro auf eBay.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2009)