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Freyer: "Giovanni ist eine positive Kraft in der Gesellschaft"

INTERVIEW: ACHIM FREYER
„Bei jeder Frau, die ich getroffen habe, ging es um Leben und Tod“, erinnert sich Achim Freyer.(c) APA (ROLAND SCHLAGER)
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Als Symbol der Freiheit sieht der Regisseur und Bühnenbildner Achim Freyer Mozarts Helden. Ein Gespräch über Kunst, Geister und Tumult an der Burg.

Die Presse: Wie lange kann ein Mann Don Giovanni sein?

Achim Freyer: Ein Leben lang. Z. B. Der Playboy Rolf Eden in Berlin. Er ist täglich aktiv, eine Frau reicht nicht.

Für Sie kommt so etwas nicht in Frage?

Ich habe geheiratet. Es würde meiner Frau nicht gefallen, wenn ich ein Don Juan wäre. Ich bin glücklich mit ihr.

Waren Sie mal ein Don Juan?

Ich fürchte, schicksalhaft war ich das.

Steckt in jedem ein Don Juan?

Der Wunsch es zu sein, auf jeden Fall. Das erzähle ich auch in meiner Inszenierung. Alle Frauen, die Don Juan berührt, beginnen zu brennen und meistens verbrennen sie sich in dem Verlangen, etwas von Don Juan zu behalten oder mit ihm verwandt zu sein. Das gilt auch für die Männer. Sie wollen ihn sogar umbringen, um ihn sich einzuverleiben.

Don Juans, das sind oft Männer, die sich nicht binden wollen oder können.

Sie sind immer auf der Flucht, aber die Sehnsucht nach Zweisamkeit ist für Augenblicke das absolute Ziel.

Sie inszenieren „Don Giovanni“ zum dritten Mal. Gab es da markante Erlebnisse?

Und wie. Das Teatro Fenice in Venedig ist in den 1990er Jahren abgebrannt, als ich dort „Don Giovanni“ probiert habe. Ich wollte die Oper in der Brandruine zeigen, quasi als Phönix aus der Asche, aber die Baupolizei hat das nicht erlaubt. Wir haben ein Zelt errichtet. Das war in der Nähe der Touristenbusse, die haben immer gehupt. Dadurch klang das Orchester total schief. Aber es war trotzdem eine gute Produktion, die wir in nur vier Probentagen zustande gebracht haben.

Was sehen Sie in Don Giovanni?

Giovanni ist eine positive Kraft in der Gesellschaft. Man könnte ihn als üppigen Kapitalisten mit Geld und Schloss sehen, aber das finde ich unheimlich langweilig. Giovanni ist eine Idee, er bringt das Leben, die Sonne und das Licht in die Welt. Damit kann die Gesellschaft, damit können wir nicht umgehen. Wir haben unsere Religion, unsere Reglementierung, gesellschaftlichen Zwänge, die Freiheit verhindern. Don Giovanni ist kein Verführer, er ist auch keine Figur, die sich auf der Straße entdecken lässt, er ist kein Klischee mit Leder-Jeans und rotem Hemd. Er ist anders als die anderen, sein Freiheitswille weckt die Wut der anderen.

Don Giovanni ist kein Verführer? Das glaube ich nicht. Er bleibt doch bei keiner Frau und am Ende fährt er zur Hölle.

Philosophen sagen, Donna Anna wäre die Chance für Giovanni gewesen. Sie ist die stärkste Persönlichkeit und hat mit dem Komtur einen familiären Hintergrund, der dem von Don Giovanni vermutlich ähnlich ist. Die Hölle stellt die Gesellschaft für ihn her. Alle raffen sich zusammen, um ihn zu verfolgen: Eine Lynchjustiz. Es ist z. B. wie bei Künstlern in totalitären Regimen. Wir haben das erlebt.

Sie haben die DDR 1972 verlassen. Sind Sie geflohen?

Meine erste Frau hatte Zwillinge. Ich hatte ein Gastspiel in Italien. Da habe ich das erste Mal eine freie Welt gesehen, Professoren in Cafés, die mit ihren Studenten lauthals über heikle Themen diskutierten. Ich konnte nicht italiensch, aber dieser Eindruck war prägend. Wir haben immer nur leise gesprochen. Ich dachte, ich bin jetzt fast 40 Jahre alt. Ich geh kaputt. Ich bin zurück gegangen und habe meine Freunde in der DDR gefragt, habt ihr noch Hoffnung? Alle waren resigniert. Das war für mich das Alarmzeichen zu gehen.

Wie sehen Sie die heutigen Flüchtlingsbewegungen?

Ich bin in ein Land geflüchtet, in dem ich meine Muttersprache sprechen konnte. Und ich konnte meinen Beruf ausüben. Trotzdem habe ich mich sehr fremd und hilflos in Westdeutschland gefühlt. Für die jetzigen Flüchtlinge ist es viel schwieriger als für mich. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Wir müssten uns schämen, wenn wir nicht hilfreich sind. Natürlich muss man auch die Ursachen dieser Flucht bekämpfen, das sind ja meist gewinnbringende Kriege.

Sie waren Meisterschüler von Bert Brecht am Berliner Ensemble. Wie haben Sie ihn erlebt?

Die Erinnerungen an Brecht verklären sich. Ich war Grafiker. Ich habe mich bei ihm beworben, weil ich wollte, dass er gute Plakate hat. Er hatte Charisma, was er sagte, hatte Substanz. Er war auch schüchtern. Wie ich. Er sagte, Plakate können Sie ja schon. Werden Sie mein Schüler und machen Sie Bühnenbilder. Das hat dann auch geklappt.

Sie sind Maler und haben einen Landsitz in der südlichen Toskana. Wie geht das zusammen, Opern inszenieren und Malen?

Ich leide sehr, wenn ich nicht malen kann. Aber ich male ja auch mit den Bildern für das Theater. Als Student der Gebrauchsgrafik verlierst du zunächst einmal alles, was künstlerisch wertvoll ist. Das muss man sich dann erst mühsam wieder aneignen, die Freiheit, sich auf etwas einzulassen und die Vielfalt. Im Sommer bin ich in der Toskana, das ist ein richtiges Refugium, kein Telefon. Aber vor 40 Jahren war es dort schrecklich. Ich konnte nicht schlafen.

Warum?

Es guckten mich plötzlich beim Malen oder im Traum Gesichter an, Augen, Münder. Ich bin diesen Spuren und Blicken gefolgt und es entstanden fast 120 Gemälde mit Gesichtern hinter Glas gerahmt. Dann konnte ich schlafen. In Italien werden die Toten durch die Tür zum Friedhof getragen. Dann wird die Tür zugemauert, damit die Geister nicht zurückkommen können. Ich habe in meinem Haus, das ein Herrenhaus war, als Schule genutzt wurde und von den Nationalsozialisten missbraucht wurde, viele zugemauerte Türen entdeckt, als ich es neu verputzt habe. Das Haus war voll Unruhe und negativer Energie.

Ich an Ihrer Stelle wäre geflüchtet.

Ich war so verliebt in die Landschaft, in die Erde, in die Menschen. Ich habe gesagt, ich muss das bewältigen.

Kehren wir nochmal zu Don Giovanni zurück. Was ist der Antrieb, sich immer neue Partner zu suchen? Sex?

Gegenseitige Befruchtung und Neugier. Bei jeder Frau, die ich getroffen habe, gab es Sensationen. Es ging um Leben und Tod. Es gab keine Routine. Es war immer völlig anders. Als junger Mann habe ich mir immer das Alter gewünscht, damit diese Getriebenheit vergeht. Der Herbst und das Alter waren für mich ideal.

Und jetzt? Sie sind 81 Jahre alt. Möchten Sie, dass alles nochmal von vorne anfängt?

Um Gottes Willen. Aber die Zeit vergeht so schnell. Man hat noch so viel vor.

Sie haben auch unterrichtet. Was haben Sie Ihren Schülern mitgegeben.

Das ist schon lange her. Mit 65 habe ich aufgehört. Am Anfang war es nicht leicht. Ich bin ein Einzelgänger. Ich habe lange gebraucht, um guten Unterricht zu geben. Man hat 12 oder 14 hilfesuchende, fragende Menschen vor sich, sie Methoden zu lehren, wie sie sich entfalten können, das war meine Lehr-Erkenntis.

So viele junge Menschen streben heute zur Kunst. Warum?

Das ist vielleicht auch der Wunsch, sich gegen die Reglementierung des Alltags zu behaupten. Wir haben ja auch ein Sprachrohr mit unserer Kunst. Mitunter erreichen wir sogar die ganze Welt. Das ist verführerisch. Man wird ja Künstler aus Not.

1987 gab es Tumulte um ihre Inszenierung der „Metamorphosen des Ovid“ im Burgtheater. Wie erinnern Sie sich daran?

Wenig. Ich ging ja nach der Premiere zurück nach Berlin. Ich habe nur mitbekommen, dass Claus Peymann (damals Burgtheater-Direktor, Red.) Angst hatte, nachts wegen dieser Aufführung überfallen zu werden. Einmal schrieen die Leute: „Peymann raus aus Österreich!“ Da war ich sauer, weil ich habe diese Aufführung gemacht, nicht Peymann. Ich muss aber schon sagen: Provokation lag nicht in meiner Absicht. Wir wollten eine Auseinandersetzung mit diesem Riesen-Ovid-Buch, wir haben die wesentlichen Motive analysiert, Narzissmus, Pygmalion usw. Die Bewegung von den Rändern zur Mitte dieses Werkes hin und umgekehrt, so lautete der Original-Titel.

ZUR PERSON

Achim Freyer. Der 1934 in Berlin geborene Künstler lernte Gebrauchsgrafik und begann als Bühnenbildner Bert Brechts an dessen Berliner Ensemble. Mit Claus Peymann brachte Freyer 1977 „Faust I und II“ in Stuttgart heraus. Am Burgtheater inszenierte er außer den „Metamorphosen“ „Phaeton“ (ebenfalls nach Ovid) sowie Büchners „Woyzeck“.In Berlin gibt es ein Freyer-Kunsthaus. „Giovanni“-Premiere mit Josef Wagner in der Titelrolle: 14. 11. in der Volksoper (weitere Termine: 20., 22., 24. 11.).


[LMYF6]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2015)