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„Hänsel und Gretel“: Kannibalische Knusperhexe

Lebende Natur. Das Taumännchen.
Lebende Natur. Das Taumännchen.(c) Anthony Ward
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Wer bei „Hänsel und Gretel“ nur an Märchen denkt, verkennt das Werk, das bald mit Thielemann in der Staatsoper zu erleben ist.

„Abends im Bett las ich einige Grimm’sche Märchen, von denen ich mich sehr angeregt fühlte, so dass die arbeitende Fantasie mich lange nicht zur Ruhe kommen ließ“, vertraute 1879 ein 25-jähriger Kompositionsstudent in München seinem Tagebuch an und schwelgte in Erinnerungen: „Das stetig wiederkehrende Thema von dem schönen Königssohn und der noch schöneren Königstochter gemahnte an die glücklichen unschuldsvollen Zeiten der ersten Liebe.“ Der aus dem Rheinischen stammende Engelbert Humperdinck hätte sich damals wohl selbst nicht träumen lassen, dass er bald darauf als Assistent Richard Wagners in Bayreuth die Uraufführung des „Parsifal“ mitvorbereiten, Wagners Sohn Siegfried in Komposition unterrichten und neben einer Kapellmeisterkarriere auch dereinst als Schöpfer gleich mehrerer Märchenopern in die Musikgeschichte eingehen würde. Und das von avanciertem Standpunkt aus: Mit den erwähnten „Königskindern“ etwa verwirklichte er 1897 (vor Arnold Schönberg!) ein Melodram mit gesprochenen Partien auf fixierten Tonhöhen und kam mit der zweiten, gesungenen Fassung des Werks 1910 zu Uraufführungsehren an der New Yorker Metropolitan Opera. Humperdincks größter, anhaltender Erfolg aber bleibt die Oper „Hänsel und Gretel“, die Kinder wie Erwachsene dauerhaft begeistert. Mit der Staatsopern-Neuproduktion kehrt das Werk nun ins Haus am Ring zurück, wo es schon 1894, ein Jahr nach der Uraufführung, Einzug gehalten hatte und bis 1944 gespielt worden war, bevor sich die Wiener Aufführungshistorie in die Volksoper verlagern musste: noch im ersten Nachkriegswinter 1945, ab 1985 dann in Karl Dönchs legendärer Inszenierung, die dort bis heute auf dem Spielplan steht.

Die Hexe ist eine Paradepartie für humorbegabte Mezzo- sopranistinnen.(c) Anthony Ward

Symbol Wald. „Es war einmal ein armer Holzhauer, der lebte mit seiner Frau und zwei Kindern in einer dürftigen Waldhütte“: So beginnt das Märchen, und zwar nicht in der von den Gebrüdern Grimm aufgezeichneten und in den 1810er-Jahren erstmals gedruckten Fassung, sondern in jener Version, die Ludwig Bechstein 1845 in seinem „Deutschen Märchenbuch“ veröffentlicht hat. Diese im 19. Jahrhundert zunächst weiter verbreitete Variante liegt auch Humperdincks Vertonung zugrunde.

Dass Kinder für ihre seelische Entwicklung Märchen brauchen, wie der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim 1977 in seinem berühmt gewordenen Buch darlegte, war im 19. Jahrhundert noch intuitiv klar und selbstverständlich. Als Humperdincks Schwester Adelheid Wette ein Märchenspiel schrieb, das ihre Kinder zum Geburtstag ihres Mannes aufführen sollten, hatte sie die Handlung teils gemildert, teils erweitert: Hänsel und Gretel werden nicht bewusst von ihren hungernden Eltern ausgesetzt, sondern von der schimpfenden Mutter zum Erdbeersuchen in den freilich symbolträchtigen Wald geschickt; schließlich retten sie mit dem Sieg über die Knusperhexe eine ganze Kinderschar. Dass diese Hexe, übrigens eine Paradepartie für jede humorbegabte dramatische Mezzosopranistin, à la Bettelheim mit ihren kannibalistischen Neigungen die destruktiven Aspekte des Oralen verkörpert, bleibt jedoch auch in der Oper erhalten: Deutungen von „Hänsel und Gretel“ sind wenigstens so spannend wie solche von Wagners „Ring“.

Humperdinck komponierte im Mai 1890 vier zweistimmige Lieder zu den Texten und versah diese als getreuer Wagnerianer in Anspielung auf den salbungsvollen Untertitel „Bühnenweihfestspiel“ des „Parsifal“ mit der ironischen Bezeichnung „Kinderstuben-Weihfestspiel“. Wegen des großen Erfolges in der Familie aber wurde das Werkchen zum Singspiel ausgebaut, wobei Humperdincks Vater und Schwager Wette auch ihre Beiträge in dramaturgischer und textlicher Hinsicht leisteten. Im Dezember 1890 fiel der Entschluss, eine vollgültige Oper daraus zu machen – wobei der Komponist zunächst über die damit verbundenen Mühen klagte: „Dieser ewige Dialog, der eigentlich für kleine Kinder berechnet ist, die keine langen Geschichten hersagen können, ist sehr undankbar für die musikalische Behandlung. Das gibt lauter Miniatur- und Ziselierarbeit, bei welcher kein gesunder musikalischer Gedanke aufkommen kann.“ Doch schließlich gelang ihm das unmöglich Erscheinende – oft im leichten, fast schwerelos wirkenden Fluss von Sechsachtel- und Neunachteltakt, vor allem aber durch die spezielle Verbindung von überschaubarem Liedchen und durchkomponierter Großform nach Wagner’schem Vorbild, durch dessen ausgefeilte Leitmotivtechnik eines vollen Orchesters und bezaubernden Volkston, durchsetzt mit Naturlauten wie Kuckucksruf und raffiniert auskomponierten Echoeffekten.

Historisch. Ausstatter Anthony Ward bezieht sich auf die Entstehungszeit der Oper.(c) Anthony Ward

Abendsegen, Hexenritt. Verblüffend, dass Humperdinck zu bekannten Melodien wie „Suse, liebe Suse“ und „Ein Männlein steht im Walde“, die er beide verwendete, sein eigenes „Brüderchen, komm tanz mit mir“ so schmiegsam hinzuerfand, dass es bald selbst als Volkslied galt: Das ist sonst nur ganz wenigen gelungen, Schubert und Brahms etwa. Hinzu treten ein Vorspiel, das einige der wichtigsten und prächtigsten Melodien der Oper vorwegnimmt, sowie gewichtige Zwischenspiele: Der zauberhaft idyllische, mit sakralen Anklängen spielende Abendsegen und der dämonische Hexenritt nähern sich der Symphonischen Dichtung an.

Die zahlreichen reinen Wagner-Epigonen seiner Zeit ließ Humperdinck damit weit hinter sich. Leichtigkeit und Tiefe seiner noch dazu ganz unwagnerisch knapp gefassten Partitur haben von Beginn an bedeutende Dirigenten fasziniert, ferner, dass die Oper dem oft brutalen, übersteigerten Realismus des italienischen Verismo, der damals en vogue war, eine romantische, im besten Sinn naive Welt entgegensetzte.

Hermann Levi in München und Felix Mottl in Karlsruhe ritterten um die Uraufführung, eher zufällig kam dann kein Geringerer als Richard Strauss in Weimar am 23. Dezember 1893 zum Recht der ersten Nacht – mit enormem Erfolg. In über 20 Übersetzungen trat das Werk im Nu einen weltweiten Siegeszug an. Strauss zollte Humperdinck später in einem Brief höchste Anerkennung: „Welch herzerfrischender Humor, welch köstliche naive Melodik, welche Kunst und Feinheit in der Behandlung des Orchesters, welche Vollendung in der Gestaltung des Ganzen.“ 1922 dirigierte Strauss „Hänsel und Gretel“ dann auch in Wien.

Schlafende Kinder.(c) Anthony Ward

Nun sind wieder erste Kräfte am Werk. „Hänsel und Gretel“ stand lang schon auf der Wunschliste von Christian Thielemann, der in den vergangenen Jahren durch seine Opernverpflichtungen in Dresden und Salzburg ein seltener Gast im Haus am Ring geworden ist. Ihm als gefeiertem Wagner-Dirigenten stellt Direktor Dominique Meyer den Regisseur Adrian Noble zur Seite, der bei seinem Staatsoperndebüt 2010 mit Händels „Alcina“ viel Lob einheimsen konnte und das Werk mit einem erlesenen Ensemble szenisch erarbeiten wird. „Hören und Sehn’ wird euch bei diesem Vergnügen vergehn!“, verspricht die Hexe den Kindern zweideutig.

Tipp

„Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck, ab 19. 11. in der Wiener Staatsoper. Christian Thielemann dirigiert (auch am 22., 26., 29. 11.), Regie: Adrian Noble. Mit Michaela Schuster, Chen Reiss, Adrian Eröd, Janina Baechle, Ausstattung: Anthony Ward.