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Peru: Lust auf Abenteuer

Handgeschnitzt. Flüsse sind die Lebensadern im Amazonas-Regenwald.
Handgeschnitzt. Flüsse sind die Lebensadern im Amazonas-Regenwald.(c) Margit Atzler
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Heiß, schwül und voller Stechmücken ist der Regenwald in Peru. Und doch ist die Landschaft reich an Verlockungen – das weiß auch Mick Jagger.

Mick Jagger kennt diese Landschaft seit seiner Zusammenarbeit mit Werner Herzog an dessen filmischem Urwald-Epos „Fitzcarraldo“. Jagger zog sich aus Zeitgründen aus dem Projekt zurück, doch seine Freundschaft zum peruanischen Koproduzenten José Koechlin blieb bestehen, ebenso seine Begeisterung für diese Gegend. Die Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ fanden damals zwar viel weiter nördlich – rund um Iquitos in der Region Loreto – statt, doch das erste von mittlerweile fünf Hotels, die in private Naturschutzinitiativen eingegliedert sind, errichtete Koechlin 1975 unweit von Puerto Maldonado, der Hauptstadt der Region Madre de Dios im südlichen Regenwald. Wegen der Nähe zu Cuzco, Ausgangspunkt zu Perus beliebtester Sehenswürdigkeit Machu Picchu, ist die Region strategisch günstig gelegen. Insgesamt bestehen nicht weniger als 58 Prozent der Landesfläche Perus aus Amazonas-Regenwald.

Selten. Auch zahlreiche Guides mit jahrelanger Erfahrung haben noch keine Anakonda gesichtet.(c) Margit Atzler

In einem zum Touristen-Transporter umgebauten Lastwagen geht es quer durch das Zentrum von Puerto Maldonado zu einer kleinen Anlegestelle für Kanus, die Haupttransportmittel auf den Flüssen im Regenwald. Aus erhöhter Perspektive bietet sich dem Besucher ein guter Überblick auf das bunte Treiben. Die Straßen sind schachbrettförmig angeordnet, die Häuser selten höher als zwei Stockwerke. Links und rechts knattern Moto-Taxis und Motorräder vorbei. Von der angeblich größten Artenvielfalt der Welt ist im Stadtzentrum nicht viel zu merken. Die Bäume sind Betonbauten mit Wellblechdächern und staubigen Straßen gewichen. Ab acht Uhr Früh ist es fast unerträglich, sich mehr als fünf Minuten in der Sonne aufzuhalten. Die Luft steht. Doch dank des Fahrtwinds bekommt man im offenen Lkw nicht viel davon mit. Von der Anlegestelle geht es für die fünfköpfige Gruppe flussabwärts zur etwa 45 Minuten entfernten Inkaterra Amazónica Lodge. Die Stimmung unter den Besuchern ist wie bei einem Schulausflug: aufgedreht und nervös in dieser ungewohnten Umgebung. Die rustikal komfortablen Hütten der Lodge sind der ideale Ausgangspunkt für Erkundungstouren. In ihrer offenen Bauweise mit Dächern aus Palmblättern sind die Unterkünfte den Hütten der Ureinwohner nachempfunden. Glasfenster gibt es keine. Lediglich schwarze Moskitonetze halten ungebetene Gäste fern. Nach einem späten Mittagessen und einer kleinen Siesta bleibt am Anreisetag genügend Zeit für die erste Exkursion.

Sternfrüchte, Paranüsse. Bei einem Spaziergang durch die Öko-Plantagen gibt es von Sternfrucht über drei verschiedene Zitronenarten bis hin zur Paranuss zu verkosten, was der Wald je nach Saison hervorbringt. Der fünfjährige Alejandro und sein achtjähriger Bruder Jorge sind begeistert und haben sich nach kurzer Zeit an die Fersen von Iván, dem Guide, geheftet. Gebannt stehen sie mit ihren Eltern vor einem schmalen Baum, der von Feuerameisen übersät ist. Der Tangarana-Baum wird im Jargon der Ureinwohner vom Stamm der Ese Eja auch „Baum der Prostituierten“ genannt. Der Name erklärt die Bestrafungs-Methode. Eine grauenhafte Vorstellung, wurde man schon einmal von einem dieser klitzekleinen Viecher gebissen. Die ausgekochte Rinde, freilich ohne Ameisen, ist ein bewährtes Naturheilmittel gegen Durchfall. Der Ajosquiro, oder Knoblauchbaum, dient den Ureinwohnern als natürliches Insektenschutzmittel. Wenige Schritte weiter gibt es einen 400 Jahre alten Urwaldriesen zu bestaunen. Wegen seiner Größe und Härte beliebtes Bauholz, ist der Shihuahuaco mittlerweile sehr selten. Jorge schaukelt lachend an einer Liane hin und her. „Ich will, dass meine Kinder auch die Schönheit und Vielfalt des eigenen Landes kennen. Sie sollen sich immer an diesen Urlaub erinnern“, erklärt die Mutter. Für die wohlhabende Familie aus Lima ist es der erste Urlaub im Regenwald des eigenen Landes. Ihr Wunsch nach einem unvergesslichen Familienerlebnis wird eine halbe Stunde später erhört.

Luftig. In ihrer offenen Bauweise sind die Bungalows den Hütten der Ureinwohner nachempfunden.(c) Margit Atzler

Im hölzernen Boot geht es über den Gamitana, einen ruhig dahinfließenden Seitenarm des großen Madre-de-Dios-Flusses, zurück in Richtung Lodge. Grillen zirpen, das Wasser schlägt immer wieder in kleinen Wellen gegen den hölzernen Rumpf des Kanus. Irgendwo lauert angeblich auch noch der „Tunche“, der Urwaldgeist, der Besucher gern in die Tiefen des Dschungels lockt. Die Stimmung erinnert tatsächlich an „Fitzcarraldo“. Es ist fast ein bisschen unheimlich, da niemand weiß, was sich hinter der nächsten Kurve des mäandernden Flusses verbirgt – außer Iván, der mit einem handgeschnitzten Paddel das Boot lenkt. Zum Glück hält sich der Tunche heute versteckt. Dafür zeigt sich eine majestätische Anakonda, die zusammengerollt im Schatten einer Baumkrone Siesta hält. Welch ein Glück: Einige Guides haben in ihrer jahrelangen Tätigkeit noch nie eine Anakonda zu Gesicht bekommen. Ehrfürchtig blicken alle zum Baum hinauf. Nach der nächsten Flusskurve nähert sich ein Kanu mit ratterndem Motor aus der entgegengesetzten Richtung. Holzarbeiter, vermutet Iván. Auf einmal ist das Motorengeräusch abrupt aus. Sie haben wohl auch die schlafende Anakonda entdeckt. Für Kopf und Haut der Riesenschlange bekommt man in Puerto Maldonado zwischen 1000 (ca. 280 Euro) und 2000 Soles. Unter den Insassen des Kanus herrscht Betroffenheit. 

Aufmerksam. Mit etwas Glück sieht man bei einer Bootstour auf dem Sandoval-See Kaimane.(c) Margit Atzler

Aus Wald wird Wüste. Koechlin will Tourismus mit Umweltschutz verbinden und den Reichtum der jeweiligen Region über persönliches Erleben vermitteln. Er sieht Tourismus als Möglichkeit, um Alternativen zur wirtschaftlichen Nutzung durch den Abbau von Holz, Gold und Erdöl zu schaffen. Es ist der Reichtum der Natur, der durch touristische Wertschöpfung an Bedeutung gewinnen kann. Peru ist der fünftgrößte Gold-Produzent weltweit. Beim großteils illegalen Goldabbau wird Quecksilber verwendet, was den dicht bewaldeten Regenwald vielerorts innerhalb kürzester Zeit in Sandwüsten verwandelt. „Pampa“ heißt das Gebiet, eine traurige Einöde mitten im sonst so artenreichen Dschungel. Durch den Einsatz von Quecksilber werden das Wasser und somit die Fische und Pflanzen verseucht. Koechlin erhebt nicht den Anspruch, alle zu bekehren. Er könne nur Alternativen vorzeigen. „In den 1970er-Jahren waren wir die ersten. Mittlerweile gibt es rund um Puerto Maldonado mehr als 30 Herbergen. Das Beispiel findet offensichtlich Nachahmer.“ Man könne nicht erwarten, dass der Tourismus für alle Arbeitsplätze schaffen soll. Allein der Gedanke daran sei absurd. „Es ist ein Baustein, eine Alternative zu vielen illegalen Aktivitäten, die es nicht geben dürfte.“ Von den Umwelt- und Sozialproblemen bekommt man als Gast der Lodge freilich nichts mit. Und der Zwischenfall mit der möglicherweise geköpften Anakonda ist beim Abendessen bereits vergessen. Chifle (Bananenchips) und ein Willkommens-Cocktail aus dem peruanischen Nationalgetränk Pisco mit tropischen Früchten gehören zum Verwöhnprogramm. Eine Gruppe verspeist begeistert ihre am Vormittag selbst gefischten Piranhas.

Bewusstseinsbildung. Abends gibt es in den Hütten keinen Strom. In der Hängematte auf der Veranda kann man im Schein der Laterne die vielen Eindrücke des Tages Revue passieren lassen, den faszinierenden Geräuschen des Waldes und mit etwas Glück dem Brüllen der nachtaktiven Affen lauschen oder einfach nichts tun. Denn auch Internetverbindung gibt es keine. Minimalismus für maximale Entspannung und Naturerlebnis ist das Motto – die Entdeckung der artenreichen Flora und Fauna als geschickt inszenierte Bewusstseinsbildung.

„Vamos al canopy!“, heißt es am nächsten Morgen. Eine fünfminütige Bootsfahrt oder einen 15-minütigen Fußmarsch durch das Dickicht später gilt es, einen hölzernen Aussichtsturm hinaufzusteigen. Von oben bietet sich ein Blick auf nichts als unterschiedliche Grün-Variationen ringsum. Zwischen vereinzelten Türmen und den Baumkronen der Urwaldriesen sind auf 22 bis 29 Metern Hängebrücken gespannt. Insgesamt können 344 Meter in schwebender Höhe überwunden werden. Ein Papageienschwarm zieht vorbei und lässt sich auf einem Korallenbaum nieder. Mit Affen und Papageien auf Augenhöhe ist es fast so, also würde man in dem grünen Blättermeer schwimmen. „Wir Menschen haben immer einen Einfluss auf die Natur“, erklärt Koechlin. „Unsere Präsenz ist nicht zwingend negativ. Tiere kommen ganz von selbst, wenn sie sich nicht bedroht fühlen. In unserem Areal neben Machu Picchu gibt es heute wieder mehr als 200 wilde Vogelarten, die wir registrieren. Das hilft, den Wert der Natur und somit ihren Erhalt zu rechtfertigen.“

Erfahren. Guide Iván hofft, dass der Tourismus eine Alternative zum Raubbau an der Natur wird.(c) Margit Atzler

Zur Inkaterra-Hotelgruppe, die mehrfach international ausgezeichnet wurde, gehört auch die Hacienda Concepción, wo Mick Jagger jüngst wieder auf Familienurlaub war. Es liegt ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Puerto Maldonado und der Inkaterra Amazónica Lodge. Wer Komfort sucht und sich gern mehr Zeit nehmen möchte, ist in der Lodge besser aufgehoben. Wer gern ein straffes Programm durchzieht, in der Hacienda, wohl auch, weil eine der Hauptattraktionen des Tambopata Nationalreservats, der Sandoval-See, einen Katzensprung entfernt ist. Gummistiefel sind für den etwa eineinhalbstündigen Fußmarsch von der Anlegestelle zum See obligatorisch. Belohnt wird man für die Gatsch-Wanderung mit einer Fahrt rund um den Sandoval-See. Mit etwas Glück zeigen sich ein Hoatzin, Brüllaffen und sogar ein schwarzer Kayman.

Das Besondere dieser eigentlich menschenfeindlichen Umgebung sind die Gefahren, die hinter je­dem Baum, unter jedem Blatt lauern. Es braucht eine gehörige Portion Überwindung, um aus der Komfortzone herauszutreten und diese versteckten Kleinode zu entdecken. Genau das macht jeden Regenwaldtag unwiederholbar und dieses ­sensible Ökosystem unendlich wertvoll.

Tipp

Hochprozentig. Traubenschnaps Pisco.
Unverzichtbar. Moskitonetz (von Bergans).
Erhellend. Werner Herzogs Peru-Epos, Hanser Verlag.

Reisezeit. November bis Anfang April ist Regenzeit. Zu empfehlen ist eher die Trockenzeit, wobei die Nächte mit Tiefsttemperaturen von um die sechs Grad Celsius richtig kalt werden können. Regnen kann es auch zur Trockenzeit. Gummistiefel werden zur Verfügung gestellt. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit ist von enganliegender Kleidung abzuraten. Da man den ganzen Tag schwitzt, hält selbst der giftigste Insekten-Spray nicht lang. Inkaterra stellt natürliche Insektenschutzmittel in den Zimmern bereit. Alle zwanzig Minuten nachschmieren hilft. Den besten Moskitoschutz bieten lange Ärmel. Sandalen-Liebhaber sollten auf Socken nicht verzichten (nicht zu dünn)! Durch die Nähe zum Äquator steht die Sonne das ganze Jahr über fast senkrecht, daher unbedingt gute Sonnencreme und Kopfbedeckung verwenden.

Anreise: Der Transfer vom Flughafen zur Lodge ist im Preis inbegriffen. Mit dem Flugzeug – täglich von Lima via Cuzco oder von Cuzco in 25 Minuten. Die Buchung der Flüge von Lima oder Cuzco sollte jedes Reisebüro übernehmen können (LAN, Star Peru, Taca Airlines).

Buchung & Preis: Inkaterra Hotels können online auf der Website gebucht werden. Die Standardangebote beinhalten zwei bis vier Nächte. 3 Tage/2 Nächte in der Amazónica Lodge ab USD 541,- pro Person in der Hütte (bei Doppelbelegung) 3 Tage/2 Nächte in der Hacienda Concepción ab USD 370,- pro Person/DZ.
www.inkaterra.com

Compliance-Hinweise: Für den Aufenthalt in den Inka­terra-Lodges kam die Hotelgruppe auf.